„Bozhe moj, bozhe moj!“

„Bozhe moj, bozhe moj!“

Ein Beitrag von M. Doberauer über die Vorstellung “Chernobyl – [So far so close]” von BERLIN am 30.04.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© BERLINWann fanden die Evakuierungen rund um Chernobyl statt? Unmittelbar nach dem GAU vor 31 Jahren? Oder erst viele Monate später, als Ausweichobjekte zur Verfügung standen?

Seither jedenfalls leben Nadia und Pétro allein im Dorf Zvizdal in der verstrahlten und gesperrten Zone. Ab 2011, 25 Jahre später, hat die Künstlergruppe BERLIN bei etwa zwei Besuchen im Jahr Eindrücke von diesem isolierten Leben eingefangen und die Entwicklungen von fünf Jahren zu einem ergreifenden Film montiert.

Beginnt das Projekt noch mit dem leitenden Gedanken, wie ein Leben in solch lebensfeindlicher Umgebung möglich sei – im Film gezeigt durch die bürokratischen und praktischen Hürden, die eindringlich vor der Gefährlichkeit des Gebiets warnen und dazu drängen, es zu meiden – so tritt dieser Aspekt schnell in den Hintergrund, ohne freilich in Vergessenheit zu geraten. Denn unmittelbar fesselnd ist es, Nadia und Pétro, beide schon über 80, dabei zuzusehen, wie sie versuchen, ihr Leben weiterzuleben. Ihre kleine Welt in Ordnung zu halten, sich und die Tiere zu versorgen, miteinander auszukommen, ihre Würde zu bewahren.

Umfasst die Dokumentation des ersten Besuchs noch Aufnahmen vom Acker außerhalb des Gehöfts und einen Rundgang durch die Ruinen des Dorfes, bei dem Pétro deutlich macht, wie sehr er die Einsamkeit als Verlust empfindet, so kommt bei den späteren Besuchen – von Bildern des Anfahrtsweges abgesehen – ausschließlich das Gehöft selbst ins Bild.

Der enge Kreis, auf den sich das Leben der beiden nun weitestgehend reduziert hat.

In der Präsentation wird dies unterstrichen, verdeutlicht und versinnbildlicht durch drei ungemein detailgetreue Modelle, die das Gehöft zu unterschiedlichen Jahreszeiten zeigen: Dies ist der Radius, in dem sich die beiden Alten im Alltag weitgehend bewegen, in dem sich der Film bewegt. Auf raffinierte Weise werden Aufnahmen, die während der Vorführung von den Modellen gemacht werden, live in den Film eingeblendet und teilweise mit den Filmaufnahmen kombiniert. Ein aufwendiges Verfahren, das tatsächlich die Isolation und Begrenztheit überdeutlich macht, worin sich die Personen bewegen: eigentlich könnte man fast den ganzen Film in diesen drei Modellen drehen.

Und so sehr Chernobyl auch stets drohend im Hintergrund präsent bleibt, wird doch gerade durch die Betonung des Ausschnitthaften der kleinen Welt, in der sich die beiden bewegen, der Blick gelenkt auf die Universalität der Geschichte von Einsamkeit, grundlegenden Bedürfnissen, Liebe, Altern und Not. Zwei alte Menschen in einem kleinen Gehöft, die weitestgehend auf sich selbst gestellt sind, könnte es überall geben.

Beim ersten Besuch wirkt das Leben der beiden zwar einsam, aber geradezu idyllisch: die Sonne scheint auf eine ländlich schöne Umgebung, die Alten necken sich, Pferd, Kuh und Hund geht es gut. Probleme gibt es, wie überall; doch die beiden wirken einigermaßen gesund und zufrieden, und die im Vorfeld der Anreise so präsente strahlende Bedrohung gerät aus dem Fokus.

Doch mit fast jedem Besuch – manchmal wird das Filmteam auch mit einem kurzen „Hallo Auf Wiedersehn“ abgespeist – wird die Lage schwieriger. Den Tieren geht es schlechter und sie sterben. Auch den Menschen geht es zusehends schlechter, und je weiter die Jahre voranschreiten, desto seltener tut einer von beiden noch einen Schritt, ohne das allgegenwärtige „Bozhe moj, bozhe moj“ (mein Gott, mein Gott) vor sich hinzumurmeln. Auch zwischen den beiden gibt es öfter Streit: sollte man nicht doch das Gehöft aufgeben und zur Tochter ziehen? Wäre eine neue Kuh zu viel Arbeit? Es ist ergreifend, dem Ringen der beiden zuzusehen, dem Ringen mit ihrem Alltag, mit einander, mit sich selbst und mit der Frage „wie soll das weitergehen?“

Weder wollen sie ihr Leben nochmal ändern, noch haben sie eigentlich das Alleinsein willentlich gewählt: sie hatten nur beschlossen, nicht wegzuziehen, während alle anderen fortgingen.

„Entstanden ist ein eindringliches, berührendes Portrait über Einsamkeit, Überleben und über die Liebe zweier alter Menschen, umgeben von der unsichtbaren und doch allgegenwärtigen Strahlung“, heißt es im Programmheft. Es hat nicht gelogen.

Philemon und Baucis mit Hintergrundstrahlung – und ohne Happy End.

Kommentare

^

Hinterlasse eine Antwort