Die Wilde Dreizehn

Die Wilde Dreizehn

Ein Beitrag von M. Doberauer über die Vorstellung “1913 – Der Sommer des Jahrhunderts” des PUPPENTHEATER HALLE am 27.04.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© Theater, Oper und Orchester GmbH, Foto: Conny KlarDie Herausforderung ist groß: Wie lässt sich ein Buch, das collageartig aus einer Unmenge von Fragmenten komponiert ist, auf die Bühne bringen?
Das Puppentheater Halle hat die Schwierigkeiten nicht nur grandios gemeistert, nein! Die Bühnenfassung übertrifft die Buchvorlage bei weitem!

Doch der Reihe nach.

Das Buch „1913“ von Florian Illies ist ja sehr bekannt geworden: Es kombiniert in chronologischer Ordnung, eingeteilt in Monatsabschnitte, eine Vielzahl von Zeitzeugnissen, Zeitungsartikeln, Briefen, Werken und Anekdoten einer Unmenge von Personen, und verzichtet dabei auf jede Rahmenhandlung – die stetige Wiederkehr der Charaktere im Lauf des Jahres schafft genügend Zusammenhang und Kontinuität. Zwar sind, laut Autor, alle Informationen solide recherchiert, doch selbstverständlich gestaltet er durch Auswahl und Anordnung gleichwohl eine Dramaturgie des Jahres 1913.

Die Inszenierung konzentriert sich kluger- und publikumsfreundlicherweise auf eine sehr übersichtliche Zahl handelnder Figuren und spitzt auch die Dramaturgie des Jahres noch etwas zu, was sich als exzellente Idee erweist. Fünf Puppen- und Schauspieler*innen beleben insgesamt ein gutes Dutzend Figuren.

Die Puppen! Die Figuren! Allein sie sind schon einen Besuch des Stückes wert! Nicht ohne Grund scharen sich die Zuschauer*innen nach der Vorstellung in dichten Trauben um die Bühne, um die detailverliebt, ja geradezu perfektionistisch gestalteten Puppen (Freud, Schönberg, Kafka, Lasker-Schüler, Kaiser Franz Joseph, Wilhelm II, Thomas Mann, Hitler, Stalin, Alma Mahler, Kokoschka, Franz Ferdinand, Rilke, Kirchner – hab ich wen vergessen?) nochmal aus der Nähe zu bewundern. Recht haben sie! „Hinreißend wiedererkennbar“ werden sie im Programmheft genannt – besser lässt sich‘s nicht sagen!

Auch gelingt es, die meisten der Figuren ungemein stimmig zu inszenieren – der seifenblasenumtoste Rilke in der Badewanne, die schaukelnde Lasker-Schüler, der kriechende Kafka… (mehr verrate ich hier nicht!). Einprägsame Bilder, die die Charaktere der Figuren auf den Punkt bringen! Ansonsten ist das Bühnenbild angenehm schlicht, so dass wenig von den Puppen, ihren liebevoll zusammengestellten Accessoires und dem Puppen- und Schauspiel ablenkt.

Oha! Das Spiel!
Wahrlich, es ist eine Freude, dem variationsreichen Puppenspiel zuzusehen. Hier der bewusst und gewollt grobschlächtige Auftritt Kokoschkas, dort die äußerst virtuos ausgestaltete Gestik Thomas Manns, die in einer Präzision „bigger than life“ ausfällt, von der Hollywood nur träumen kann (daher der Beiname Traumfabrik?); eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Choreographie von mal mehreren Spieler*innen an einer Figur, mal einer Spielerin an einer Figur, mal Spieler*innen ganz ohne Figuren agierend, und einmal sogar zwei Puppen, die eine dritte bewegen…

Zwei Figuren, die eine dritte bewegen? In der Tat! Puppenspiel zweiten Grades, sozusagen. Das wäre an sich vielleicht nicht besonders erwähnenswert, doch hier geschieht es im Rahmen einer äußerst unterhaltsamen zweiten, tja, Handlungsebene, die die Inszenierung dem Buch voraus hat: das Eigenleben der Puppen!
Figuren, die sich gegen ihre Spieler wehren (zugegeben, das kommt im Puppenspiel öfter vor), Figuren, die – als Bühnenfiguren, nicht als historische Personen – anfangen, miteinander zu interagieren, Figuren, die sich bemühen, die Kontrolle über die Abläufe auf der Bühne zu gewinnen, die das Verlesen unangenehmer Passagen aus ihren Briefen verhindern wollen, die sich von ihren Spieler*innen gestört fühlen, die auch nicht vor Waffengewalt zurückschrecken, die mit dem Autor hadern… (wer mag, darf ans Welttheater, an Pirandello oder O‘Brien denken; NO STRINGS ATTACHED-Besucher*innen früherer Jahre werden nicht umhin können, z.B. an Blind Summit zu denken, was viel lustiger ist und der Sache näher kommt.)

Kurz, die Dramatik, die den historischen Ereignissen innewohnt, wird überlagert, bereichert, belebt durch die Spannung, die sich auf der Bühne zwischen den Beteiligten am Stück als Stück entwickelt – Autor (der durch eine Schreibblockade vorübergehend alles zum Erliegen bringt und so die Revolte beendet), Spieler*innen als Schauspieler*innen, Spieler*innen als Puppenspieler*innen, Spieler*innen als Vertreter*innen des Autors, Puppen… Das verleiht der Aufführung eine Vielschichtigkeit, die das Buch nicht aufweist. Allein über die komplizierte Position der Spieler*innen ließe sich gewiss ein langer Aufsatz schreiben – ich rate davon ab.
Besser, man genießt diese eleganten und unterhaltsamen Finessen und sieht sich genussvoll das Stück an.
Es lohnt sich!

Ps: „Die Zeit ist eine ernste Sache (und isst gerne Erdnüsse).“ Wann immer die Zeit zu einem neuen Monat weiterruckt, macht die Inszenierung dies als Schritt, als Schreiten der Zeit, durch einen kleinen Bruch spürbar. Und wie die Dreizehn des wilden Jahres Dreizehn in diesem Stück immer wieder eine wichtige Rolle spielt, so wird es auch niemanden überraschen, dass die Inszenierung mit einem dreizehnten Abschnitt endet, der schon schonungslos auf die kommende Katastrophe vorausweist und sich auch formal von den vorhergehenden Teilen unterscheidet. Mehr wird nicht verraten.

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