Drachenfeuer

Ein Beitrag von M. Doberauer über die Vorstellung “Cendres – Asche” von PLEXUS POLAIRE am 28.04.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© Kristin Aafløy OpdanEin schwarzer Bühnenraum. Als Projektion schweben undeutliche weiße Flocken nieder – hieße das Stück nicht „Cendres“, „Asche“, man dächte wohl an Schnee – und verdichten sich zu einem Text, der davon spricht, wie ein übergroßes, alles verzehrendes Ereignis, eine überwältigende Erfahrung, alles zu Asche werden und den Betroffenen fortan durch diese Asche wandeln lässt.

Der Bühnenraum schwarz, nur im Hintergrund einige beleuchtete Häuser. Sie werden die ganze Inszenierung hindurch präsent bleiben, mal von innen beleuchtet, mal von außen, und immer wieder brennend.
In der Mitte der Bühne die sehr realistische Puppe eines jungen Mannes auf einer kleineren Bühne, die Puppenspieler fast unsichtbar in der Schwärze des Raums. Er geht. Erschrickt. Trägt etwas. Einen Kanister? Unverständliches Gestikulieren. Ein Tanz? Eine Gymnastik? Ja, eindeutig, er trägt eindeutig einen Kanister. Und schüttet etwas aus. Der junge Mann zaudert, zögert, ringt mit sich, lässt die kleine Flamme mehrmals verlöschen, bevor er die Flüssigkeit in Brand setzt. Ein Haus im Hintergrund steht in Flammen.
Das Motiv des Brennens wird am Bühnenrand aufgenommen von der Glut einer Zigarette. Der Schauspieler, der da raucht und schreibt, stellt sich rasch als die Figur des Autors heraus, der niederzuschreiben versucht, wie die Geschichte der Brandstiftungen sein Leben geprägt hat. Tastende Sätze, die von dieser dreißigjährigen Suche nach Selbstverständigung sprechen, werden in den Raum projiziert. Gesten des Zweifels, des Haderns, und der Autor zerknüllt die Anläufe seines Schreibens. Unruhe, Fahrigkeit, ein Bier kippt über die Tastatur.
Und er beginnt einen neuen Anlauf.
Frühjahr 1978, das Dorf Finsland in Norwegen…

Die Geschichte, die der Autor erzählen will, scheint einfach:
In seiner früher Kindheit wurden innerhalb kürzester Zeit in seinem norwegischen Dorf zahlreiche Brände gelegt. Scheunen und Häuser brannten nieder, in Brand gesetzt vom Sohn des örtlichen Feuerwehrhauptmanns. Das Leben des Autors ist durch diese Geschehnisse zutiefst geprägt – seine ganze Kindheit wurde er immer wieder daran erinnert, dass etwa jene Scheune bei seiner Taufe in Flammen aufging. Die Unbegreiflichkeit der mutwilligen Zerstörung, die unauflösliche Verbindung seines Lebens mit der frühen Erfahrung fundamentaler Verletzlichkeit und Unsicherheit traumatisiert ihn und lässt ihn versuchen, die Geschichte dieser Brandstiftungen niederzuschreiben.

Dass sich die Geschichte jedoch so einfach nicht darstellen lässt, zeigt sich auf der Bühne.
Auch die Geschichte, die hier stattfindet, scheint zunächst einfach…

Der Autor (als Bühnenfigur; inwieweit der Autor als Figur des Buches bzw. Stückes mit der realen Person korrespondiert, inwieweit die Geschichte dokumentarisch oder fiktionalisiert ist, braucht uns hier nicht zu interessieren) versucht, sein Trauma zu verarbeiten, indem er sich bemüht, die Geschichte der Brandstiftungen aufzuschreiben. Doch seine eigene Verwobenheit in diese Geschichte behindert ihn. Anläufe scheitern, und insbesondere der Versuch, die Ereignisse distanziert, quasi unbeteiligt, zu beschreiben, führt den Autor bis zum Zusammenbruch. Die Figur des Brandstifters quält ihn, zerstört all seine Bemühungen, sein Leben, treibt ihn in Verzweiflung und Alkoholismus. Der Schock des Todes seines Vaters reißt den Autor aus dieser selbstzerstörerischen Verzweiflung und lässt ihn nach/in heftigen Auseinandersetzungen versuchen, die Geschichte der Brände nicht mehr nur als destruktiven Feind seines Lebens zu sehen, sondern als Teil seiner selbst, Teil seiner Geschichte, die er anzunehmen lernt, mit der und ihrer Figur, dem Brandstifter, er sich auszusöhnen versucht. So wird es ihm endlich möglich, diese dicht gewebte Geschichte zu schreiben.

Es ist die Stärke des Buches, der Komplexität des Ringens mit diesen Erfahrungen eine Form zu geben.
Es ist die Stärke dieser Inszenierung, dafür ungemein intensive, schlichte Bilder zu finden, die gleichwohl die ganze Tiefe und Komplexität des Stoffs klar zum Ausdruck bringen.

Unnötig zu erwähnen, dass der Einsatz von Puppen hierfür besonders geeignet ist: indem er stets die beunruhigende Frage nach der Freiheit oder Unfreiheit der Figuren provoziert. Und indem der Einsatz von Puppen für beinahe alle Figuren außer dem Autor jederzeit an die Präsenz mehrerer Ebenen auf der Bühne erinnert: die Ebene des Autors, der als Figur des Buches das Buch schreibt, und die Ebene der Puppen, die er zu schreiben scheint, die ihn aber im Schreiben beeinflussen.

Doch ganz wie die schlichte Faktengeschichte nicht im Entferntesten die prägende Erfahrung des Autors wiederzugeben vermag, so bleibt auch die Zusammenfassung der Bühnenhandlung gänzlich fern vom intensiven Erlebnis der Zuschauer*innen dieser zutiefst beeindruckenden Inszenierung, deren Größe darin besteht, mit kleinsten Gesten und Motiven ungemein aussagekräftige Bilder zu schaffen.

Also nochmal mitten hinein ins Stück.

Der Bühnenraum fast schwarz. Der Autor zusammengebrochen und sturzbetrunken.
Die Figur eines erlegten Elchs wird hereingeschleppt, sein Bauch aufgeschnitten und eine sehr schwache und hilfsbedürftige Figur herausgeholt, ein älterer Mann. Der Autor nimmt sich seiner an, pflegt ihn, und einige projizierte Worte lassen uns wissen, dass es des Autors Vater ist.
Der Vater, der dem Autor einst durch das Töten eines Elchs ein Fremder wurde, wird ihm nun wieder nahe, in Krankheit, Hilfsbedürftigkeit und Tod. Das Ereignis reißt den Autor aus seiner Verlorenheit und Verzweiflung, in die ihn seine Traumatisierung mit Erfahrungen des Scheiterns, mit Selbstvorwürfen und Realitätsflucht getrieben hat. Eine Verbindung zu seinem Vater kann er wieder herstellen, ihn als nahe Person erinnern und den Verlust empfinden – doch ein Stachel bleibt: dass er Schriftsteller ist und damit ringt, seine eigene Geschichte als die Geschichte der Brände und der Spuren, die sie hinterlassen haben, zu schreiben, kann er seinem Vater auch am Totenbett nicht erzählen.
Und wieder berichte ich die Geschichte als Handlung, statt die ungeheuer luziden, schlichten, reduzierten Bilder zu beschreiben, mit denen die Geschichte erzählt wird! Verflixt!

Der Vater als (sehr lebendig erinnerter) Skifahrer den Autor umkreisend, der das Totenbett in Händen hält, in das er schließlich sanft die Vaterfigur bettet und ihm noch einmal Feuer gibt. Und ist es nicht der Vater des Brandstifters, der sich als kleine Figur dazulegt? Beginnt der Autor hier zu begreifen, dass er den Brandstifter, die Brandstiftungen nicht als Distanziertes von sich getrennt halten kann, wenn er sein Trauma überwinden will?
Zumindest setzt an diesem Punkt der Prozess einer erneuten Auseinandersetzung an, die schließlich in einer Art von Aussöhnung des Autors mit seiner Figur, dem Brandstifter, mündet. Es spielt nur eine untergeordnete Rolle, ob der Autor letzten Endes nun wirklich Verständnis für die Person des Brandstifters zu entwickeln beginnt, oder ob die Figur des Brandstifters auf der Bühne für den abgespaltenen destruktiven Teil der Persönlichkeit des Autors steht, oder für den Teil seiner Biographie, gegen den er sich wehrt, und die anzunehmen er letztlich akzeptiert. Gerade die mögliche Mehrdeutigkeit des Bildes macht seinen Reiz und seine Qualität aus. Ohne genauer zu analysieren würde ich mal vermuten, dass die Figur im Laufe des Stückes mehrere Rollen einnimmt, und durchaus auch mehrere gleichzeitig.

Die Auseinandersetzung, ins Bild gesetzt unter anderem als Kampf mit einem Monster, aus dem sich die Figur des Brandstifters löst. Die dämonische Figur und der Autor kommen einander näher; doch der Versuch einer Annäherung, Verständigung, die beide Figuren offenbar wollen, wird gestört, zerstört, durch Kanister, die dem Brandstifter immer wieder wie von Zauberhand zugeschoben werden – die Figur ist nicht von ihrer Nemesis zu trennen, und dies sondert die Figur vom Autor und den Menschen des Dorfes ab. Doch genau dieses Bild wird für den Autor (und das Publikum) zu einem Schlüssel – er beginnt zu begreifen: ganz ähnlich, wie er selbst der Flucht in den Alkoholismus nicht zu entkommen vermochte, obwohl er dagegen ankämpfte; ganz ähnlich mag es auch dem Brandstifter gegangen sein: ein zwanghaftes Handeln, gegen das er nicht ankommt. Die Inszenierung setzt dies wunderbar ins Bild, indem zuvor in einer auffallend parallelen Szene wie von Zauberhand dem verzweifelt dagegen ankämpfenden Autor immer wieder volle Gläser hingestellt wurden, genau wie dem Brandstifter die Kanister.

So ließe sich noch sehr lange weiterschreiben, Szene für Szene, doch das würde den Rahmen sprengen.

Die letzten Worte: „let me put this into words before I burn“, führen zurück zum Anfang, zum alles mit sich verschlingenden Ereignis und zur Asche.

Wir erfahren nicht, woher der Zwang des Brandstifters kam.
Und doch, das unverständliche Gestikulieren, an das wir uns noch aus der ersten Szene erinnern, und dessen Wiederkehr in den Gesten des Zweifels des Autors bei seinem ersten Auftritt nun ins Auge fällt, wird nun sichtbar als das Ringen des Autors und des Brandstifters mit ihrem Drachen.

Vielleicht wäre es besser, nur die Bilder zu schildern und sich jeder Interpretation zu enthalten – doch man bilde sich nicht ein, dass die Beschreibung der Bilder dem Erlebnis der Inszenierung auch nur annähernd gleichkäme. Das Publikum jedenfalls war zutiefst beeindruckt und der stürmische Applaus ließ an der Begeisterung keinen Zweifel aufkommen.

Die dreizehnte Ausgabe des NO STRINGS ATTACHED verspricht, reich an Höhepunkten zu werden.
Diese Aufführung war definitiv einer davon.

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