In a nutshell

In a nutshell

Ein Beitrag von M. Doberauer über die Vorstellung “Mi Gran Obra” von DAVID ESPINOSA am 01.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

©David EspinosaWie viel Raum ist nötig, um ein Panorama, ein Panopticum, eine Revue der Welt auf die Bühne zu bringen?
David Espinosa reicht ein gewöhnlicher Koffer bzw. ein kleiner Tisch als Bühne seines Theaters.
Sein Mittel der Wahl: kleine Figürchen, wie man sie aus Modelleisenbahnanlagen kennt (genauer gesagt: Spurgröße H0, also Maßstab 1:87). Das Sperrigste an seinem Reisegepäck (und der Teil, der am Zoll immer wieder Misstrauen hervorruft und Probleme bereitet) sind die Operngläser, mit denen alle 20 Zuschauer*innen im Publikum ausgestattet werden, auf dass sie eine Chance haben, alle Details zu erspähen.

Gleich zu Beginn zeigt Espinosa einen Aspekt der Möglichkeiten dieser Form: kaum vier Minuten genügen, um in angenehm ruhigem Rhythmus die Biographie eines Paares darzustellen. Für jede neue Altersstufe stellt er einfach ein passendes Figürchen vor die früheren, Kinder treten hinzu und gewinnen in späteren Lebensstufen an Abstand, während das Leben der Hauptpersonen als Weg von der Kindheit bis zum Grab sichtbar wird.

Doch bei diesen schlichten straight stories bleibt es nicht: weitere Tableaus zeichnen sich vor allem durch ihre ständige Wandelbarkeit aus.

Eine weitläufige Strandszene etwa wird Schritt für Schritt, Detail für Detail konsequent ent-idyllisiert, ent-niedlicht: sei es, dass der Künstler hier die Figur eines Exhibitionisten ergänzt, dort der fröhliche Gewichtheber eine andere Figur unter einem Gewicht begraben hat, oder dass ein ganz entspannt am Sonnenbadenden Vorbeijoggender durch das Auftreten weiterer Figuren zu einem Beteiligten an einem brutalen Angriff auf den Liegenden wird und auf diesen einzutreten scheint. Eine ganze Zirkustruppe wird von der Figur des Sensenmanns dahingesichelt – das alles mit einem so feinen schwarzen Humor auf die Bühne gebracht, dass es ein Vergnügen ist (und man sich kaum erwehren kann, an einschlägige Größen wie Edward Gorey oder die Tiger Lillies zu denken).

Während die Verwandlung dieser Szenerie nur eine Richtung verfolgt, hin zum Makaberen, fordert der Künstler das Publikum in einem anderen, groß angelegten Akt heraus, die Situation auf der Bühne ständig neu zu interpretieren. Figuren werden blitzschnell arrangiert, und kaum beginnt das Publikum, eine Konstellation zu begreifen, da tritt schon eine neue Figur hinzu , die die ganze Deutung kippen lässt – und so geht es in dieser Szenerie weiter und weiter, mal langsam, mal in atemberaubendem Tempo (das richtige Timing ist eine Kunst, die David Espinosa virtuos beherrscht), die ständige Wandlung bringt die ganze Vieldeutigkeit der Szenerie zum Vorschein. Befremden, Spaß, Verstörung, Spannung – bis schließlich die “Massenszenen” in einem Bild kulminieren, das jedes Lächeln gefrieren lässt. Als wollte er lediglich seine Bühne aufräumen häuft der Künstler seine Akteure zu aufeinander – und stellt eine Bulldozer daneben. Jäh ist der Verweis auf das ikonische Bild von Leichenbergen präsent, die nach der Befreiung eines Konzentrationslagers in ein Massengrab geschoben werden. Und wieder gelingt es Espinosa, diesem Bild durch hinzufügen zweier Zuschauer eine weitere Nuance hinzuzufügen, ohne das Grauen zu brechen, im Gegenteil.

David Espinosa ist wahrlich nicht der erste, der mit Modellbahnfigürchen arbeitet. Mal abgesehen davon, dass bereits in den großen Modellbahnanlagen durchaus groteske und überraschende Szenen eingebaut werden, wäre hier beispielsweise Slinkachu zu nennen, der seine Figureninstallationen mit großem Erfolg als Street-Art betreibt und dessen Arbeiten sogar einen sehr ähnlichen Humor aufweisen wie die Espinosas. Was Davids mitreißende Performance auszeichnet, ist indes die Entwicklung auf der Bühne, das Collagistische darin: das Hinzufügen oder Entfernen eines einzigen Elements kann alles ändern, ein neues Bild entsteht und vergeht.

Und, natürlich: dass 20 Personen mit Operngläsern vor der Miniaturbühne sitzen hat einen ungeheuren Charme, verglichen mit der Alternative einer Kameraübertragung auf Leinwand, und ermöglicht es jeder und jedem, die Aufmerksam auf Details der eigenen Wahl zu lenken.
Nos encanta!!

Kommentare

^

Hinterlasse eine Antwort