IM GESPRÄCH MIT half past selber schuld

Das Künstlerduo half past selber schuld | Fotograf: Christian Ahlborn

IM GESPRÄCH MIT half past selber schuld

Die Fragen stellte Sophie Möser für NO STRINGS ATTACHED – Figurentheater und MEHR

SM: Sir ladybug beetle – Wie genau bist du zu diesem Namen gekommen? Was steckt dahinter?
HPSS: Das ist einfach nur ein Künstlername, den ich wählte, weil er, wie ich finde, einen wirklich schönen Klang hat. Mehr als meine große Liebe zu Insekten steckt aber nicht dahinter. Ich wurde (bisher) noch nicht adelig gesprochen. Ladybug beetle ist übrigens ein Marienkäfer.

SM: half past selber schuld ist auch nicht gerade ein gewöhnlicher Name. Wo kommt er her?
HPSS: Die Namensfrage wurde uns sicherlich bereits über 200 mal schon gestellt und immer gab es eine andere Antwort. Aber die einzige und ausschließlich wahre Wahrheit ist, dass wir ein paar willkürliche deutsche und englische Worte nahmen und diese durch Google genau 23 mal hin und herübersetzen, bis am Ende der richtige Name dastand.

SM: half past selber schuld gilt als Erfinder des Bühnencomics. Wie ist dieses Genre entstanden und was genau ist eigentlich ein Bühnencomic?
HPSS: Als wir 2001 anfingen, unser erstes Theaterstück zu produzieren, wussten wir nichts über Theater. Daher gestalteten wir „die Sündenvergebmaschine“, wie wir auch schon zuvor unsere Live-Musik-Bühnenshows kreierten. Wir überlegten uns, wie Theater sein sollte, dass es uns selbst gefallen und unterhalten würde. Wir wollten witzige, wortgewaltige, intelligente Stücke schaffen, die bestens unterhalten, bewegen und zum Nachdenken anregen. Und dabei sollten sie knallig, opulent, plakativ, mit reichlich Pathos und noch mehr Musik sein. Außerdem war uns wichtig, dass jeder künstlerische Teilbereich (Musik, Text, Film, Ästethik, …) das höchstmögliche Niveau erreichen würde. Also arbeiteten wir interdisziplinär, noch bevor wir das Wort kannten. Weil wir damit aber in keine Schublade passten, beschlossen wir eine eigene, neue Schublade zu eröffnen. Und „Bühnencomic“ traf und trifft das half past selber schuld – Endprodukt immer noch am allerbesten.

Hier sind ein paar Beispiele, die einen Bühnencomic ausmachen: Wir vertonen und bebildern jede Bühnenaktion: Kein Schlag ohne „Boing“, keine Zigarette ohne Rauchwölkchen. Die von uns kreierte Ästethik ist dabei auch optisch mit Comics vergleichbar. Wir arbeiten häufig mit den nicht sichtbaren Zwischenbildern: Erstes Bild: Mann mit Torte, zweites Bild: Torte weg, verschmierter Mund. Jeder weiß, was passiert sein muss, ohne dass man die Aktion gesehen hätte.

SM: 2016 wart ihr bei den Puppenstars auf RTL zu sehen und habt sogar den Sieg errungen. Wie kamt ihr auf die Idee dort mitzumachen? Was habt ihr aus eurer Zeit dort mitgenommen?
HPSS: Die Szenen wurden speziell für das TV Format von uns neu kreiert. Aber wegen der knappen Zeit nahmen wir bereits vorhandene Puppen unseres zu der Zeit aktuellen Bühnencomics „Pinocchio Sanchez“. So konnten wir uns voll auf das Puppenspiel konzentrieren und mussten im Vorfeld nicht zuviele (sehr zeitaufwendige) Puppen und Requisiten neu entwerfen und bauen.

Wir wurden von der Produktionsfirma direkt angefragt, ob wir Lust hätten mitzumachen.
Weitere Anreize waren das für uns ganz neue, dreiminütige Format, die Überlegung, uns voll auf das Puppenspiel konzentrieren zu können, ohne eine Anschlussszene berücksichtigen zu müssen (was bedeutet, dass alle Mitspieler auch wirklich mitspielen können!), die Möglichkeit, von professionellen Kameras aufgenommen zu werden, unsere Zuschauerzahl mal eben um 10.000% zu steigern, der damit verbundene Werbeeffekt und nicht zuletzt der potentielle Geldgewinn, den wir dann letzten Endes auch mitnahmen. Die Teilnahme an den Puppenstars war ein schönes, turbulentes und skurriles Erlebnis, das wir nicht missen möchten.

SM: Im Sommer 2016 wart ihr für 7 Wochen für eure neue Inszenierung in den USA. Was habt ihr dort gemacht und wie hat diese Zeit eure künstlerische Arbeit beeinflusst?
HPSS: Wir haben u. a. zahlreiche befreundete „puppeteers“ getroffen und andere neu kennengelernt. Dabei haben wir MASSIV Inspiration in uns aufgesogen. Es verging kein Tag ohne nicht mindestens drei kulturelle Highlights. Echt jetzt!

Aufgrund der Filmindustrie gibt es in Los Angeles ja etliche renommierte Werkstätten, die mit Puppenspiel bzw. Special Effects zu tun haben. Wir hatten die Ehre, einige davon besuchen zu dürfen und bekamen persönliche Führungen der Mitarbeiter und Künstler, beispielsweise bei „Spectral Motion“, die Objekte, Kostüme und Figuren u. a. für Hellboy und andere Del Toro Filme hergestellt haben. Wir bekamen die Möglichkeit, einige der Mechaniken und Techniken anzusehen und auszuprobieren.

Ein messbares Resultat der Reise ist die jetzige Zusammenarbeit mit dem großartigen Puppenkünstler Eli Zachary Socoloff Presser aus Los Angeles, der uns im Vorfeld bei der Entwicklung der Geschichten zu „Kafka in Wonderland“ half und der uns nun für zwei Monate besuchen und in Sachen Regie und Puppenspiel-Coaching zur Seite stehen wird. Das traurige ist, dass, wenn wir in Mainz auftreten, er gerade wieder in den USA sein wird, gesetzt den Fall, Trump lässt ihn rein.

SM: Wir freuen uns schon auf „Kafka in Wonderland“ bei uns in Mainz! Was erwartet uns?
HPSS: Auch wir freuen uns wahnsinnig darauf, zum ersten Mal in Mainz auftreten zu dürfen! Wir haben uns mit dem Thema „Transhumanismus“ beschäftigt, also mit der philosophischen Denkrichtung, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten, sei es intellektuell, physisch oder psychologisch, durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern zu wollen. Das ergibt die Chance einer großartigen, sorglosen Zukunft, birgt aber auch die Gefahr, die Menschheit mal eben so richtig gegen die Wand zu fahren. Auf jeden Fall hat das Thema neben wichtigen und ernsten Fragen des Lebens auch eine Menge komisches Potential, so dass die Grenzen zwischen realen technischen Möglichkeiten und absurden Science Fiction Phantasien fließend ineinander übergehen werden. Wir treffen z. B. auf ein intelligentes Waffensystem mit einem Faible für die Kunst, auf den Upload des Bewusstseins in die „Cloud“ nach dem biologischen Tod, auf genetisch perfektionierte Wunschkinder oder arrogante selbstfahrende Autos sowie auf die potentiellen Folgen all dieser neuen Möglichkeiten.

Würden wir nicht gerade auf der Bühne stehen, wir würden uns dieses Spektakel sicherlich ansehen wollen. Das wäre genau ein Theaterstück nach unserem Geschmack.

Achtung! Der Titel ist eine werbetechnisch ausgeklügelte Mogelpackung! Wer Kafka erwartet, wird lediglich Kafkaeskes vorfinden. Wer Alice sucht, wird stattdessen den Konzern Wonderland incorporated antreffen.

Kommentare

^

2 Kommentare zu “IM GESPRÄCH MIT half past selber schuld”

  1. Liebe Sophie,
    sehr gutes Interview. Wenn man im Theater sitzt und das Stück sieht, dann lässt es einen nicht wieder los.Man hätt so gerne Notizen gmacht, aber wie soll das bei einem schwarzen Theater gehen?
    Bis heute Abend
    Marianne

    • assistenz sagt:

      Liebe Marianne,
      vielen lieben Dank! Das freut mich, dass dir das Interview und Stück gefallen haben. Und es freut mich umso mehr, dass wir die Ehre hatten, dich als Festivalbloggerin dabei zu haben! 1000 Dank!

      Liebe Grüße,

      Sophie

Hinterlasse eine Antwort