Kafka in Wonderland inszeniert von “half past selber schuld”

Ein Beitrag von Marianne Hoffmann über die Vorstellung “Kafka in Wonderland” von HALF PAST SELBER SCHULD am 05.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

©Krischan AhlbornWer Kafka sucht, wird ihn nicht finden, wer Alice sucht, der wird nur das Wonderland finden, und das hat sich ganz schön aufgebrezelt und wird zur Wonderland inc., einem Betrieb, fern in der Zukunft, der die unglaublichsten Wünsche erfüllt. “Kafka in Wonderland” ist die neueste Produktion von “half past selber schuld”, einem Duo halb Düsseldorf, halb Israel. Zum ersten Mal treten sie im Rahmen des NO STRINGS ATTACHED-Festivals in Mainz auf. Der Name “half past selber schuld” ist ein von Google gebildetes Konstrukt und im Gedächtnis vieler Menschen, nicht nur weil er so ungewöhnlich ist. Sondern weil diese Formation die RTL Casting Show “Puppenstars” gewonnen hat und damit verbunden einen Geldgewinn, der manche Idee Realität werden ließ.

Was kommt nach dem Tod, fragt sich der schwer schnaufende alte Herr, der mit seinem Totenbett auf die Bühne der Mainzer Kammerspiele gefahren wird, beweint von seinen drei Töchtern, die aber gewiss sein können, dass der tote Vater in der “cloud” gespeichert wird. All das kann über Wonderland inc. geregelt werden. Doch so wie der Tod zum Leben gehört, gehört das neue Leben dazu. Und wenn man kein eigenes Kind bekommen kann, auch dann hilft Wonderland inc. und eine ungemein intelligente Mikrowelle. Diese haucht dem Embryo Leben ein, indem sie es wie im Brutkasten wärmt und die Eltern per Srachcomputer darauf aufmerksam macht, wann es Zeit ist, das Kind – natürlich wohlgeraten – wieder rauszuholen, bevor es Schäden behält.

Das Schwarze Theater, zu dem das Ensemble zählt, agiert auch mit einem autonomen Waffensystem mit dem schönen Namen KFK, den StarWars Tötungsmaschinen auf zwei Beinen nachempfunden, ausgestattet mit einem fragwürdigen Charakter und großem Interesse an der Kunst. Natürlich werden die beiden Wesen, die auf KFK treffen, getötet. Das ist ihre Natur und ihr großes Interesse an Kunst. Und dann wären da noch Carl, ein „self-driving car“, ein Chor mit elektronisch gesteuerten Augen und ein Flugsaurier. Das sind starke Gestalten mit außergewöhnlichem Erscheinungsbild, die ihre Präsenz einfordern.

Außerdem gibt es noch den Mörder, der sich, als geheilt betrachtet, noch einem letzten Test unterziehen muss, bevor er auf die Menschheit losgelassen werden kann. Das ist die einzige Szene im ganzen Stück, in der keine Puppe, sondern wahrhaft ein Mensch agiert. Nur der Stuhl, auf dem er sitzt und der sehr nach Hinrichtung aussieht, wird mit seinen Greifarmen und Gurten von einem Puppenspieler bedient. Der Mörder bekommt ein Messer und eine Karotte in die Hand. Was wird er mit dem fetten Kaninchen mit den Glubschaugen machen? Nun, man kann es sich denken. Geheilt ist dieser Mann noch lange nicht.

Ilanit Magarshak-Riegg und Sir Ladybug Beetle haben sich für dieses Stück mit dem „Transhumanismus“ beschäftigt, also mit der philosophischen Denkrichtung, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten, seien sie intellektuell, physisch oder psychologisch, durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Das ergibt die Chance einer großartigen, sorglosen Zukunft, birgt aber auch die Gefahr, die Menschheit mal eben so richtig gegen die Wand zu fahren. Auf jeden Fall hat das Thema neben wichtigen und ernsten Fragen des Lebens auch eine Menge komisches Potenzial, so dass die Grenzen zwischen realen technischen Möglichkeiten und absurden Science Fiction-Phantasien fließend ineinander übergehen. Kafkaeske Szenen, Wunderland Fantasien wie sie auch Alice hat – bitte mehr davon.

Kommentare

^

Hinterlasse eine Antwort