Noch einmal Schaf gehabt

Ein Beitrag von Sophie Möser über die Vorstellung „Babylon“ von Neville Tranter am 27.10.2018 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED.

Gott in Neville Tranters "Babylon"
Ein etwas erschöpfter und leicht verwirrter Blick aus funkelnden Augen, strubbeliges graues Haar, ein wilder Bart, der in alle Richtungen steht und eine große Knubbelnase, die aus dem Gesicht hervorragt – darf ich vorstellen: Gott. Und wie bitte kommt Gott auf die Bühne der Mainzer Kammerspiele? Zu 20 Jahren NO STRINGS ATTACHED hat Neville Tranter ihn leichter Hand in seinem Stück „Babylon“ nach Mainz gebracht. Dass Neville Tranter bei der Jubiläumsausgabe des Festivals nicht fehlen darf, überrascht wenig, schließlich begleitet er dieses bereits seit Jahren, nun ist es das zehnte Mal, dass er dabei ist. Doch bevor Gott seinen großen Auftritt hat, tritt erst einmal Festivalleiterin Nike Poulakos auf die Bühne und bedankt sich nicht nur beim zahlreichen Erscheinen des Publikums, sondern auch bei allen, die NO STRINGS ATTACHED erst möglich machen, unter anderem der Kultursommer Rheinland-Pfalz, Medien RLP und natürlich die Mainzer Kammerspiele.

Und was genau hat Gott also in Mainz verloren? Seinen Sohn – der treibt sich nämlich irgendwo an einem Strand in Nordafrika herum. Wieder einmal möchte Jesus die Menschheit retten und muss dafür mit dem letzten Schiff nach Babylon. Neben ihm drängen Geflüchtete, auch sie wollen noch einen Platz ergattern. Und wer darf bei so viel Leid nicht fehlen? Der Teufel, der ebenfalls seine Finger im Spiel hat und, wie zu erwarten, Jesus zu verführen versucht. Dabei trägt der Teufel zwar nicht Prada, aber dennoch Glitzer und einen Umhang im Leopardenmuster. Seine roten Augen, die Teufelshörner und seine hämische Lache verraten ihn dann trotzdem. Aber ‘Gott sei Dank’ ist Jesus nicht allein, denn sein treuer Begleiter das Schaf Binky ist stets an seiner Seite, direkt unter seinen Arm geklemmt und schaut dabei ziemlich treudoof herein. Letzten Endes ist es dann auch Binky, der Jesus das Leben rettet. Also hat Gottes Sohn quasi noch einmal Schaf gehabt. Und was steht nun auf dem Plan des Aktivisten? Der Kampf gegen den Klimawandel.

Besonders beeindruckend an diesem Abend ist vor allem Neville Tranters Spieltechnik: Gekonnt zaubert er durch einfache Handgriffe tiefe Emotionen in die Gesichter seiner Klappmaulpuppen. So lässt er den Mund Gottes weit aufklappen und zeugt so unverkennbar von seinem Erstaunen darüber, dass sein Sohn so allmählich den Verstand verlieren würde. Andere Figuren lässt er vor Wut erzittern, den Kopf vor Fassungslosigkeit hängen oder stellt das Heben und Senken der Brust nach, wenn eine Puppe auf der Flucht außer Atem ist. Kein Wunder also, dass das Publikum von den Figuren nicht genug bekommen kann und sie selbst noch nach der Vorstellung ausgiebig in Augenschein nimmt. Denn trotz ihres karikaturistischen Äußeren wirken sie durch Nevilles Spiel unheimlich menschlich. Ergänzt wird diese beeindruckende Technik durch eine volle Ladung schwarzen Humors: So kann man sich das Lachen nicht verkneifen, wenn Gott dann „Oh my god!“ ausruft oder seinem Sohn noch auf den Weg mitgibt: „God bless you.“ Ein Abend ganz im Bann der Puppe und einen Bauchmuskelkater gab es gleich noch dazu.

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