Once upon a time

Once upon a time

Ein Beitrag von M. Doberauer über die Vorstellung “Ressacs – Brandung” von CIE. GARE CENTRALE am 29.04.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© Alice PiemmeOne and one is two
two and two is four
four and four is eight
eight is almost ten
ten is fine and we like it
but one hundred is even better
but one thousand is even better
but one million is even better
but lets dream of more and more and more…

Eine von mehreren kleinen Musikeinlagen, mit denen Agnes Limbos und Gregory Houben ihr Stück Ressacs (Brandung) nicht nur hübsch auflockern, sondern ganz im Geist der Aufführung in wunderbarer Beiläufigkeit und Fröhlichkeit inhaltlich auf den Punkt bringen.

Denn worum geht es? Um zwei Menschen, in die sich das Prinzip kapitalistischen Wirtschaftens und Lebens so eingeschrieben hat, dass sie sich gar nichts Anderes mehr vorstellen können – und nichts Anderes wollen, als dem Profit nachzujagen. Immer wieder sehen wir das Paar, alles verlieren, und immer wieder fangen sie neu an, könnten etwas anders machen, ein solidarisches Leben mit ihren neuen Bekannten zu organisieren, doch immer werden diese neuen Bekanntschaften schnell zu Untergebenen degradiert, durch Gesten und Gewalt auf Distanz gebracht und ausgebeutet, gerne auch im kolonialen Stil. Zu einer Tragödie wird diese Handlung auf der Bühne gleichwohl nicht, denn trotz der versäumten Chancen kämpfen unsere Protagonisten nicht im Entferntesten gegen ihren Drang an, den Statussymbolen des Reichtums nachzujagen.

Ein schweres Thema? In den Händen der Compagnie Gare Central wird es wunderbar leicht, humorvoll und spielerisch auf die Bühne gebracht!

Objekttheater kann höchst aufwendige Objekte verwenden – oder kann auch mit den einfachsten Dingen auskommen; beide Formen haben ihre eigenen Qualitäten.

In dieser Inszenierung wird fast nur mit ganz schlichten und kleinen, geradezu alltäglichen Objekten gearbeitet, Ready-made-Objekttheater sozusagen: ein Tisch, bei dem ein blaues Tuch das Meer darstellt; ein Modellhaus und Modellauto, die Reichtümer angehäuften Reichtümer andeuten – und deren Wegnahme die plötzliche Verarmung. Limbos und Houben verkörpern als Schauspieler die beiden Protagonisten, doch vor allem erzählend, und stellen die eigentliche Handlung zugleich mit Gegenständen auf dem Tisch vor sich dar. Das gerät ihnen mit einer erfreulichen Frische: Da wird die schlechte Lage der Hauptfiguren mal ganz simpel durch einen schwarzen Fächer über dem Tisch dargestellt, die gute Lage durch einen pinkfarbenen; Industrieanlagen durch ein paar Ofenrohre; und der Hinweis auf die historische Dimension des Kolonialismus, an die die Protagonisten in ihrem Verhalten anknüpfen, durch Spielzeugschiffe, die die Bühne auf Eisenbahnschienen umrunden und deutlich an die Schiffe des Christoph Kolumbus erinnern (und als Schattenrisse auf einer Hintergrundleinwand gegenwärtig bleiben). Dass jedes Kapitel mit den Worten „once upon a time“ eingeleitet wird, tut ein übriges, um die Aufführung im Bereich des Märchens statt im Bereich des schweren Dramas zu verorten.

Eine kurzweilige, springlebendige Aufführung, die fast schwerelos die ganze Bitterkeit des Themas auf die Bühne bringt.

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