Sag mal geht’s noch? Das Berliner Theater Zitadelle mit einer Neuinterpretation der “Bremer Stadtmusikanten”

Ein Beitrag von Marianne Hoffmann über die Vorstellung “Die Berliner Stadtmusikanten” vom THEATER ZITADELLE am 07.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© Klaus ZinneckerEs ist ein trostloser Bühnenaufbau, ganz in dunklem Grau; die Pfleger eines Altenheims in der tiefsten Uckermark tragen Kittel in Nato-Olivgrün und besprechen den Tagesplan, in dem Propofol, das Narkotikum, an dem Michael Jackson gestorben ist, eine große Rolle spielt. “Heute haben wir einen Neuzugang,” sagt Schwester Gisela zu Pfleger Eugen. Es ist Herr Spatz, denn das Altenheim, das in den Mainzer Kammerspielen präsentiert wird, ist eines für Tiere in fortgeschrittenem Alter. Der Tagesablauf für die Heimbewohner ist strengstens geregelt, das merkt auch Friedrich Spatz, der sich mit Herrn Wolf das Zimmer teilt. “Das ist nicht gefährlich,” sagt Pfleger Eugen, “denn der ist ja schon alt”. Weitere Bewohner sind Frau Katze und Frau Kuh. Herr Biber ist gerade gestorben. “Das war ein Arschloch,” sagt Frau Katze. “Aber die Beerdigng war schön,” sagt Frau Kuh.

In dem Stück “Die Berliner Stadtmusikanten” des Theaters Zitadelle aus Berlin wird das Grimmsche Stück “Die Bremer Stadtmusikanten” ad absurdum geführt und in ein neues Gewand gewickelt. Die Dialoge zwischen den Tieren, bedient von Regina Wagner und ihrem Sohn Daniel, sind witzig, überzeichnet, traurig, ernst, stimmen neben aller Heiterkeit nachdenklich und stellen die Würde eines jeden Lebewesens in den Vordergrund.

© Klaus ZinneckerNatürlich sind die Angestellten im Haus “Sonnenschein” Diebe und korrupt. Der Brief von Tante Erna an Herrn Wolf wird geöffnet, das Geld entwendet, die Halskette von Friedrich Spatz, sie stammt noch von seiner Frau, einkassiert. Die Gespräche der vier liebenswerten Tierfiguren drehen sich auch um Wünsche und Träume, die man auch im Alter noch hat. Frau Kuh, immer noch im rosa Tutu gekleidet, das Euter blitzt manchmal hervor, war einst eine begnadete Ballerina und Herr Wolf und die Katze begnadete Sänger. Natürlich kann Herr Spatz da mithalten. Und so reift der Plan auszubrechen und nach Berlin zu gehen, um die Hauptstadt künstlerisch zu erobern und Geld zu verdienen. Im Wald kuschelt man sich aneinander und betrachtet den Sternenhimmel, die Milchstraße ist für Frau Kuh von besonderer Bedeutung, nur die Große Kuh gibt´s nun wirklich nicht. Aber für Frau Katze ist klar, dass sie in Berlin in ein Miezhaus ziehen will und dass sie was, sie streckt und reckt sich, gegen Miezerhöhung hat. Als Herr Wolf und Frau Katze “The book of Love” von The Magnetic Fields vor dem Einschlafen singen, wird es ganz still im Raum.

Natürlich sind sie im Kreis gelaufen, und natürlich vertreiben sie die beiden boshaften Pfleger, bekommen ihr Hab und Gut zurück und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. “Geht’s noch” ist der Lieblingsspruch der Katze, wenn ihr einer zu Nahe kommt. Ungewöhnlich ist, dass es eine veritable Zugabe nach dem nicht enden wollenden Applaus gibt. Es ist zu Ende, zehn Tage NO STRINGS ATTACHED haben sich am Sonntag Abend in den Mainzer Kammerspielen mit einem furiosen letzten Stück verabschiedet. Nike Poulakos, die Frau mit dem Gespür für ungewöhnliche Produktionen, bedankt sich beim Kultursommer Rheinland-Pfalz für die finanzielle Unterstützung, beim nationalen Performance Netz und vor allem bei Sophie Möser, die sich um Internet, Blog und belegte Brötchen gekümmert hat. In zwei Jahren geht es weiter, und was macht man in der Zwischenzeit?

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