Ver- /Entzaubert: Das immersive Orakel von Delphi

Ein Beitrag von Sophie Möser über die Vorstellung „Das Orakel von Delphi – Ein Jahrmarkt der Vernunft“ von Suse Wächter und Manuel Muerte am 25.10.2018 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED.

Orakel von Delphi (c) Paul Milmeister
Der Blick wandert nach links an blau-schimmerenden Wänden vorbei, dann nach rechts, streift den „Chinese Fortune Teller“, bei dem man tatsächlich nur chinesisch versteht, weiter über die Kaffesatz-Machine bishin zum Gummibärchen-Orakel à la Kaugummispender. Ein voll automatisierter Jahrmarkt. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des NO STRINGS ATTACHED Festivals verwandelt sich der Theatersaal der Mainzer Kammerspiele in einen Ort des Dazwischen: zwischen dem Hier und Jetzt, der Vergangenheit und der Zukunft. Zuschauer werden eingeladen, sich den Raum selbst zu erschließen. So erfährt man unter anderem mehr über seine Zukunft in Sachen Liebe durch „Daisy’s Liebesorakel“ – einfach ein Gänseblümchen pflücken, „er liebt mich, er liebt mich nicht“ und wenn das Ergebnis nicht zufriedenstellend ist, sind Taschentücher an diesem umfunktionierten Billardtisch auch nicht weit.

„Das Orakel von Delphi“ ist eine Inszenierung des Dazwischen gleich im mehrfachen Sinne, denn die Besucher erforschen nicht nur sich selbst und ihre Wünschen, sondern finden sich auch unentwegt auf dem schmalen Grat zwischen Illusion und Vernunft wieder. Ein gewolltes Spannungsverhältnis nach den Realisatoren Suse Wächter und Manuel Muerte – schließlich geht es nicht nur darum, die Lust der Teilnehmer sich dem Irrationalen hinzugeben zu wecken, sondern gleichzeitig diese durch bewusst eingesetzte Brüche zu dekonstruieren – quasi ein Appell an die Vernunft. Erreicht wird dies vor allem durch das interdisziplinäre Zusammentreffen von Live-Musik mit Schlagzeuger Chris Ilmer, Installationskunst, Magie und Figurentheater sowie der besonderen Dramaturgie des Abends. Nach der ersten Phase des Eintauchens und freien Erkundens der eigenen Sinne, werden die Besucher gebeten auf Bierkästen im Raum Platz zu nehmen, Beginn des Kapitels zwei: eine beinahe willkürlich wirkende Szenen-Collage zwischen Zaubertricks, Guru Hase, Sigmund Freud, Sokrates und selbst Gott hat einen Auftritt. Trotz alledem sind es nicht die Figuren, die Suse Wächter mit ihrer facettenreichen Stimme zum Leben erweckt, die im Mittelpunkt stehen, sondern die Zuschauer.

Nämlich sind sie die treibende Kraft der Aufführung und zwar einerseits physisch durch ihre aktive Teilnahme, andererseits psychisch. So liegt es an ihnen, die assoziativen Szenen zu einem Ganzen zu verstricken stets mit der Frage im Hinterkopf: Sollte dieser Trick genauso ablaufen, ist hier etwas schief gelaufen oder ist auch das Manipulation? Gerade diese kalkulierte Willkür baut zum Höhepunkt des Stücks auf – das Beschwören des Orakels von Delphi. Mit einer guten Ladung Humor und einer mitreißenden Spieltechnik werden die Besucher auf die Probe gestellt. Ein immersives Theatererlebnis, das alle Sinne beansprucht.

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