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Bilderrückblick: 20 Jahre NO STRINGS ATTACHED – Figurentheater und mehr

Pressefotos 2018

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Sag mal geht’s noch? Das Berliner Theater Zitadelle mit einer Neuinterpretation der “Bremer Stadtmusikanten”

Ein Beitrag von Marianne Hoffmann über die Vorstellung „Die Berliner Stadtmusikanten“ vom THEATER ZITADELLE am 07.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© Klaus ZinneckerEs ist ein trostloser Bühnenaufbau, ganz in dunklem Grau; die Pfleger eines Altenheims in der tiefsten Uckermark tragen Kittel in Nato-Olivgrün und besprechen den Tagesplan, in dem Propofol, das Narkotikum, an dem Michael Jackson gestorben ist, eine große Rolle spielt. “Heute haben wir einen Neuzugang,” sagt Schwester Gisela zu Pfleger Eugen. Es ist Herr Spatz, denn das Altenheim, das in den Mainzer Kammerspielen präsentiert wird, ist eines für Tiere in fortgeschrittenem Alter. Der Tagesablauf für die Heimbewohner ist strengstens geregelt, das merkt auch Friedrich Spatz, der sich mit Herrn Wolf das Zimmer teilt. “Das ist nicht gefährlich,” sagt Pfleger Eugen, “denn der ist ja schon alt”. Weitere Bewohner sind Frau Katze und Frau Kuh. Herr Biber ist gerade gestorben. “Das war ein Arschloch,” sagt Frau Katze. “Aber die Beerdigng war schön,” sagt Frau Kuh.

In dem Stück “Die Berliner Stadtmusikanten” des Theaters Zitadelle aus Berlin wird das Grimmsche Stück “Die Bremer Stadtmusikanten” ad absurdum geführt und in ein neues Gewand gewickelt. Die Dialoge zwischen den Tieren, bedient von Regina Wagner und ihrem Sohn Daniel, sind witzig, überzeichnet, traurig, ernst, stimmen neben aller Heiterkeit nachdenklich und stellen die Würde eines jeden Lebewesens in den Vordergrund.

© Klaus ZinneckerNatürlich sind die Angestellten im Haus “Sonnenschein” Diebe und korrupt. Der Brief von Tante Erna an Herrn Wolf wird geöffnet, das Geld entwendet, die Halskette von Friedrich Spatz, sie stammt noch von seiner Frau, einkassiert. Die Gespräche der vier liebenswerten Tierfiguren drehen sich auch um Wünsche und Träume, die man auch im Alter noch hat. Frau Kuh, immer noch im rosa Tutu gekleidet, das Euter blitzt manchmal hervor, war einst eine begnadete Ballerina und Herr Wolf und die Katze begnadete Sänger. Natürlich kann Herr Spatz da mithalten. Und so reift der Plan auszubrechen und nach Berlin zu gehen, um die Hauptstadt künstlerisch zu erobern und Geld zu verdienen. Im Wald kuschelt man sich aneinander und betrachtet den Sternenhimmel, die Milchstraße ist für Frau Kuh von besonderer Bedeutung, nur die Große Kuh gibt´s nun wirklich nicht. Aber für Frau Katze ist klar, dass sie in Berlin in ein Miezhaus ziehen will und dass sie was, sie streckt und reckt sich, gegen Miezerhöhung hat. Als Herr Wolf und Frau Katze “The book of Love” von The Magnetic Fields vor dem Einschlafen singen, wird es ganz still im Raum.

Natürlich sind sie im Kreis gelaufen, und natürlich vertreiben sie die beiden boshaften Pfleger, bekommen ihr Hab und Gut zurück und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. “Geht’s noch” ist der Lieblingsspruch der Katze, wenn ihr einer zu Nahe kommt. Ungewöhnlich ist, dass es eine veritable Zugabe nach dem nicht enden wollenden Applaus gibt. Es ist zu Ende, zehn Tage NO STRINGS ATTACHED haben sich am Sonntag Abend in den Mainzer Kammerspielen mit einem furiosen letzten Stück verabschiedet. Nike Poulakos, die Frau mit dem Gespür für ungewöhnliche Produktionen, bedankt sich beim Kultursommer Rheinland-Pfalz für die finanzielle Unterstützung, beim nationalen Performance Netz und vor allem bei Sophie Möser, die sich um Internet, Blog und belegte Brötchen gekümmert hat. In zwei Jahren geht es weiter, und was macht man in der Zwischenzeit?

Kafka in Wonderland inszeniert von “half past selber schuld”

Ein Beitrag von Marianne Hoffmann über die Vorstellung „Kafka in Wonderland“ von HALF PAST SELBER SCHULD am 05.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

©Krischan AhlbornWer Kafka sucht, wird ihn nicht finden, wer Alice sucht, der wird nur das Wonderland finden, und das hat sich ganz schön aufgebrezelt und wird zur Wonderland inc., einem Betrieb, fern in der Zukunft, der die unglaublichsten Wünsche erfüllt. “Kafka in Wonderland” ist die neueste Produktion von “half past selber schuld”, einem Duo halb Düsseldorf, halb Israel. Zum ersten Mal treten sie im Rahmen des NO STRINGS ATTACHED-Festivals in Mainz auf. Der Name “half past selber schuld” ist ein von Google gebildetes Konstrukt und im Gedächtnis vieler Menschen, nicht nur weil er so ungewöhnlich ist. Sondern weil diese Formation die RTL Casting Show “Puppenstars” gewonnen hat und damit verbunden einen Geldgewinn, der manche Idee Realität werden ließ.

Was kommt nach dem Tod, fragt sich der schwer schnaufende alte Herr, der mit seinem Totenbett auf die Bühne der Mainzer Kammerspiele gefahren wird, beweint von seinen drei Töchtern, die aber gewiss sein können, dass der tote Vater in der “cloud” gespeichert wird. All das kann über Wonderland inc. geregelt werden. Doch so wie der Tod zum Leben gehört, gehört das neue Leben dazu. Und wenn man kein eigenes Kind bekommen kann, auch dann hilft Wonderland inc. und eine ungemein intelligente Mikrowelle. Diese haucht dem Embryo Leben ein, indem sie es wie im Brutkasten wärmt und die Eltern per Srachcomputer darauf aufmerksam macht, wann es Zeit ist, das Kind – natürlich wohlgeraten – wieder rauszuholen, bevor es Schäden behält.

Das Schwarze Theater, zu dem das Ensemble zählt, agiert auch mit einem autonomen Waffensystem mit dem schönen Namen KFK, den StarWars Tötungsmaschinen auf zwei Beinen nachempfunden, ausgestattet mit einem fragwürdigen Charakter und großem Interesse an der Kunst. Natürlich werden die beiden Wesen, die auf KFK treffen, getötet. Das ist ihre Natur und ihr großes Interesse an Kunst. Und dann wären da noch Carl, ein „self-driving car“, ein Chor mit elektronisch gesteuerten Augen und ein Flugsaurier. Das sind starke Gestalten mit außergewöhnlichem Erscheinungsbild, die ihre Präsenz einfordern.

Außerdem gibt es noch den Mörder, der sich, als geheilt betrachtet, noch einem letzten Test unterziehen muss, bevor er auf die Menschheit losgelassen werden kann. Das ist die einzige Szene im ganzen Stück, in der keine Puppe, sondern wahrhaft ein Mensch agiert. Nur der Stuhl, auf dem er sitzt und der sehr nach Hinrichtung aussieht, wird mit seinen Greifarmen und Gurten von einem Puppenspieler bedient. Der Mörder bekommt ein Messer und eine Karotte in die Hand. Was wird er mit dem fetten Kaninchen mit den Glubschaugen machen? Nun, man kann es sich denken. Geheilt ist dieser Mann noch lange nicht.

Ilanit Magarshak-Riegg und Sir Ladybug Beetle haben sich für dieses Stück mit dem „Transhumanismus“ beschäftigt, also mit der philosophischen Denkrichtung, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten, seien sie intellektuell, physisch oder psychologisch, durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Das ergibt die Chance einer großartigen, sorglosen Zukunft, birgt aber auch die Gefahr, die Menschheit mal eben so richtig gegen die Wand zu fahren. Auf jeden Fall hat das Thema neben wichtigen und ernsten Fragen des Lebens auch eine Menge komisches Potenzial, so dass die Grenzen zwischen realen technischen Möglichkeiten und absurden Science Fiction-Phantasien fließend ineinander übergehen. Kafkaeske Szenen, Wunderland Fantasien wie sie auch Alice hat – bitte mehr davon.

Eine verrückte Alte und das Märchen vom Rotkäppchen

Ein Beitrag von Marianne Hoffmann über den ZWEITEN MAINZER PUPPETRY SLAM am 03.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

Die Teilnehmer des Puppetry SlamsClarissa Zockovic ist eine Lady und mindestens 100 Jahre alt. Das bedeutet, dass sie im Rollstuhl sitzt, aber noch immer mit Glitzerschuhen, pinkfarbenen Leggins, langen rot lackierten Fingernägeln, knallrot geschminktem Mund, leicht verschmiert und einer gewaltigen weißen Lockenpracht über dem schmalen Gesicht. Natürlich kann Clarissa Zockovic nicht mehr ohne Pflegerin ihr Leben bewältigen. Aber diese hat kaum was zu reden, denn das besorgt mit rauchiger Stimme in schönstem Fränkisch die herrische alte Lady selbst.

Es ist Puppetry Slam-Time in den Mainzer Kammerspielen. Zum zweiten Mal findet diese Abwandlung des Poetry-Slam in Mainz statt. Die Regeln des Puppenwettstreits, bei dem wie immer das Publikum entscheidet, wer gewinnt, sind ganz einfach. Jana Heinicke hat den Puppetry Slam auf die Beine gestellt und ist damit bis nach Mexiko gereist. Sie wählt die Jury aus dem Publikum aus, stellt die Kandidaten und Kandidatinnen vor und rechnet Punkte zusammen. Gespielt werden darf mit allem was Spaß macht und so spielt Nicole Weißbrodt die Pflegerin Nikki, die der exzentrischen Clarissa Zockovic ihre rauchige Stimme leiht. Tosender Applaus und viele Punkte waren Nicole Weißbrodt sicher.

Vor zwei Jahren gewann Dietmar Bertram aus Mainz und so war man gespannt, ob er in diesem Jahr seinen Titel verteidigen kann. Soweit schon mal vorab, das hat er nicht geschafft und das könnte sehr wohl daran gelegen haben, dass er mit Lebensmitteln gespielt hat und mit Lebensmitteln spielt man nicht, schon gar nicht mit Hackfleich, das Würstchen verschlingt, auch wenn die Geschichte dahinter – vom Berg der seine Bewohner vernichtet – gar nicht so schlecht war, inklusive Holladrio.

Marcel Kurzidim spielt einfach mit einer Papierrolle, auf diese hat er die Welt und ihre Geschichte verewigt, die er sich in den Kopf schlagen muss und er möchte noch eine andere Geschichte aufschreiben, die er von vorn nach hinten wendet. Gut gedacht ist noch lange nicht gut gemacht, aber der Ansatz hat begeistert. Auch der wunderbar lila Federpuppenvogel auf Freiersfüßen von Colly Schöttler, die jeden Tag im Bus auf einen Blick ihres Angebeten hofft, kann nicht zur Gänze überzeugen.

Christoph Buchfink kommt mit einer Puppe in einem rollenden Krankenbett. Damit brettert der alte Opa Häwelmann durch die Stadt und möchte auf Schiffsreise gehen.. Bereit gegen Windmühlen, Gesundheitsreformen und den Herzkasper zu kämpfen, wobei ihn keine Unbill bremsen kann. Sein persönlicher Leibarzt Doktor Schröder, seine kleine Frau Hedwig und der alkoholisierte Steuermann oben im Ausguck begleiten ihn und leider muss das fröhliche Spektakel nach 7 Minuten brutal beendet werden. Das sind die Slam-Regeln, sieben Minuten und nicht länger.

Shani Moffat kommt aus Australien. Sie steht zum ersten Mal auf der Slam Bühne, die sie als Putzfrau fegt und dabei immer wieder nach ihrem Hund ruft. Man hört ihn bellen, die Aktivistin verschwindet. Heraus kommt Shanis blanker Hintern als Hund geschminkt, der über die Bühne jagt, verschwindet und wieder als Shani Moffat auf die Bühne kommt. Natürlich macht der Hund sein Geschäft und zieht sich eine Würstchenkette rein. Das reizt den Würgereflex des Publikums, aber auch die Begeisterung schlägt Wellen.

Das Finale bestreiten an diesem Abend Shani, Christoph und Nicole. Die große Stoff-Vagina von Shani Moffat verschlingt die Emanzipation und Christoph Buchfink, der das Heinz-Erhardt-Gedicht von einem Reh so vollendet, dass es von einem Schaf verschlungen wird, können der Geschichte vom Lippenstift-Rotkäppchen und dem Haarklammer-Wolf von Nicole Weißbrodt nicht die blaue Plastik-Krone ablaufen.

In a nutshell

Ein Beitrag von M. Doberauer über die Vorstellung “Mi Gran Obra” von DAVID ESPINOSA am 01.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

©David EspinosaWie viel Raum ist nötig, um ein Panorama, ein Panopticum, eine Revue der Welt auf die Bühne zu bringen?
David Espinosa reicht ein gewöhnlicher Koffer bzw. ein kleiner Tisch als Bühne seines Theaters.
Sein Mittel der Wahl: kleine Figürchen, wie man sie aus Modelleisenbahnanlagen kennt (genauer gesagt: Spurgröße H0, also Maßstab 1:87). Das Sperrigste an seinem Reisegepäck (und der Teil, der am Zoll immer wieder Misstrauen hervorruft und Probleme bereitet) sind die Operngläser, mit denen alle 20 Zuschauer*innen im Publikum ausgestattet werden, auf dass sie eine Chance haben, alle Details zu erspähen.

Gleich zu Beginn zeigt Espinosa einen Aspekt der Möglichkeiten dieser Form: kaum vier Minuten genügen, um in angenehm ruhigem Rhythmus die Biographie eines Paares darzustellen. Für jede neue Altersstufe stellt er einfach ein passendes Figürchen vor die früheren, Kinder treten hinzu und gewinnen in späteren Lebensstufen an Abstand, während das Leben der Hauptpersonen als Weg von der Kindheit bis zum Grab sichtbar wird.

Doch bei diesen schlichten straight stories bleibt es nicht: weitere Tableaus zeichnen sich vor allem durch ihre ständige Wandelbarkeit aus.

Eine weitläufige Strandszene etwa wird Schritt für Schritt, Detail für Detail konsequent ent-idyllisiert, ent-niedlicht: sei es, dass der Künstler hier die Figur eines Exhibitionisten ergänzt, dort der fröhliche Gewichtheber eine andere Figur unter einem Gewicht begraben hat, oder dass ein ganz entspannt am Sonnenbadenden Vorbeijoggender durch das Auftreten weiterer Figuren zu einem Beteiligten an einem brutalen Angriff auf den Liegenden wird und auf diesen einzutreten scheint. Eine ganze Zirkustruppe wird von der Figur des Sensenmanns dahingesichelt – das alles mit einem so feinen schwarzen Humor auf die Bühne gebracht, dass es ein Vergnügen ist (und man sich kaum erwehren kann, an einschlägige Größen wie Edward Gorey oder die Tiger Lillies zu denken).

Während die Verwandlung dieser Szenerie nur eine Richtung verfolgt, hin zum Makaberen, fordert der Künstler das Publikum in einem anderen, groß angelegten Akt heraus, die Situation auf der Bühne ständig neu zu interpretieren. Figuren werden blitzschnell arrangiert, und kaum beginnt das Publikum, eine Konstellation zu begreifen, da tritt schon eine neue Figur hinzu , die die ganze Deutung kippen lässt – und so geht es in dieser Szenerie weiter und weiter, mal langsam, mal in atemberaubendem Tempo (das richtige Timing ist eine Kunst, die David Espinosa virtuos beherrscht), die ständige Wandlung bringt die ganze Vieldeutigkeit der Szenerie zum Vorschein. Befremden, Spaß, Verstörung, Spannung – bis schließlich die „Massenszenen“ in einem Bild kulminieren, das jedes Lächeln gefrieren lässt. Als wollte er lediglich seine Bühne aufräumen häuft der Künstler seine Akteure zu aufeinander – und stellt eine Bulldozer daneben. Jäh ist der Verweis auf das ikonische Bild von Leichenbergen präsent, die nach der Befreiung eines Konzentrationslagers in ein Massengrab geschoben werden. Und wieder gelingt es Espinosa, diesem Bild durch hinzufügen zweier Zuschauer eine weitere Nuance hinzuzufügen, ohne das Grauen zu brechen, im Gegenteil.

David Espinosa ist wahrlich nicht der erste, der mit Modellbahnfigürchen arbeitet. Mal abgesehen davon, dass bereits in den großen Modellbahnanlagen durchaus groteske und überraschende Szenen eingebaut werden, wäre hier beispielsweise Slinkachu zu nennen, der seine Figureninstallationen mit großem Erfolg als Street-Art betreibt und dessen Arbeiten sogar einen sehr ähnlichen Humor aufweisen wie die Espinosas. Was Davids mitreißende Performance auszeichnet, ist indes die Entwicklung auf der Bühne, das Collagistische darin: das Hinzufügen oder Entfernen eines einzigen Elements kann alles ändern, ein neues Bild entsteht und vergeht.

Und, natürlich: dass 20 Personen mit Operngläsern vor der Miniaturbühne sitzen hat einen ungeheuren Charme, verglichen mit der Alternative einer Kameraübertragung auf Leinwand, und ermöglicht es jeder und jedem, die Aufmerksam auf Details der eigenen Wahl zu lenken.
Nos encanta!!

Mi gran obra – ein Meisterwerk “en miniature”

Ein Beitrag von Marianne Hoffmann über die Vorstellung “Mi Gran Obra“ von DAVID ESPINOSA am 01.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© David EspinosaEin großer grauer Koffer steht im Foyer der Mainzer Kammerspiele – unbeachtet von den Menschen, die sich nach und nach einfinden. Das ist umheimlich und ein Fall für einen SEK-Einsatz, denn herrenlose Koffer bedeuten Terror, Angst vor einem Attentat. Doch nichts passiert, nein, die Menschen schauen sich den Koffer genau an, und wenn man den Koffer von vorne betrachtet, erkennt man kleine Figuren, die scheinbar aus diesem großen grauen Koffer herauslaufen. “Mi gran obra” steht auf dem Koffer. “Mein großes Werk, mein Meisterwerk”, geschaffen von David Espinosa für NO STRINGS ATTACHED im Rahmen des Mainzer Kultursommers, das Festival der Puppen, das in den Mainzer Kammerspielen den idealen Aufführungsort gefunden hat.

Er ist ein Künstler, der keine Stücke für große Bühnen schaffen möchte, dafür hat er kein Geld, obwohl er schon der Liebling der Biennale von Venedig in 2016 war. Ein szenisches Meisterwerk für eine Bühne schaffen das ist sein Traum. Ein Architekt, den er kennt, soll ihm einen Spielort schaffen. Das Theater sollte mobil sein, so wie ein Zirkuszelt. So entsteht ein Modell, im Maßstab 1:87. In der Realität wäre das ein Theater von der Größe eines Fußballfeldes. Doch für Espinosa ist diese kleine Bühnenwelt perfekt, sie kann problemlos im Koffer verstaut werden.

© David EspinosaDer Nachteil, vielleicht auch der unglaubliche Vorteil, ist, das maximal 20 Leute zuschauen können. Diese werden vor der Performance auch noch gecastet und in große und kleine Menschen und VIPs unterteilt. Im Backstagebereich der Kammerspiele sieht man auf den Sitzen kleine Operngläser in leuchtendem Rot liegen, die man auch braucht, um das Geschehen auf der kleinen weißen Styroporbühne verfolgen zu können. Geschickt stellt David Espinosa kleine und kleinste menschliche Figuren auf, wie wir sie aus den unglaublichen Landschaften der Modelleisenbahn kennen. Der Weg des Lebens wird präsentiert, vom Säugling über das Heranwachsen, die erste Liebe, die Hochzeit, das Kinderkriegen, zusammen alt werden, den Tod, und selbst einen Friedhof gibt es. In einem Blumentopfuntersetzer steht ein vertrockneter Zweig, und kleine Kreuze ragen aus der Erde, in der die Witwe verschwindet. Weiter geht es mit einem Fußballspiel, untermalt von spanischer Musik, bis ein Kind auf das Fußballfeld krabbelt und die Spieler auf das Kind eintreten, ein Exhibitionist öffnet seinen Mantel, ein Krankenwagen taucht auf, der Ärztin wird schlecht, und auf einmal sind überall Emotionen. Espinosa spielt mit seinen Minifiguren das Leben nach, es gibt Obdachlose, Paare beim Sex, Striptease-Tänzerinnen, Demonstranten und einen Sensenmann, der zum Schluss auf der Bühne als Einziger steht, während die Protagonisten zu einem bunten Haufen aufgetürmt sind. Ein Bagger steht bereit, um wieder Ordnung zu schaffen.

David Espinosa stellt die Welt auf den Kopf, beschreibt das Leben als trügerisch und gefährlich. Es geht um die ganz großen Themen: Leben und Tod, Liebe und Sex, Transzendenz und Absurdität – natürlich en miniature.

„Bozhe moj, bozhe moj!“

Ein Beitrag von M. Doberauer über die Vorstellung “Chernobyl – [So far so close]” von BERLIN am 30.04.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© BERLINWann fanden die Evakuierungen rund um Chernobyl statt? Unmittelbar nach dem GAU vor 31 Jahren? Oder erst viele Monate später, als Ausweichobjekte zur Verfügung standen?

Seither jedenfalls leben Nadia und Pétro allein im Dorf Zvizdal in der verstrahlten und gesperrten Zone. Ab 2011, 25 Jahre später, hat die Künstlergruppe BERLIN bei etwa zwei Besuchen im Jahr Eindrücke von diesem isolierten Leben eingefangen und die Entwicklungen von fünf Jahren zu einem ergreifenden Film montiert.

Beginnt das Projekt noch mit dem leitenden Gedanken, wie ein Leben in solch lebensfeindlicher Umgebung möglich sei – im Film gezeigt durch die bürokratischen und praktischen Hürden, die eindringlich vor der Gefährlichkeit des Gebiets warnen und dazu drängen, es zu meiden – so tritt dieser Aspekt schnell in den Hintergrund, ohne freilich in Vergessenheit zu geraten. Denn unmittelbar fesselnd ist es, Nadia und Pétro, beide schon über 80, dabei zuzusehen, wie sie versuchen, ihr Leben weiterzuleben. Ihre kleine Welt in Ordnung zu halten, sich und die Tiere zu versorgen, miteinander auszukommen, ihre Würde zu bewahren.

Umfasst die Dokumentation des ersten Besuchs noch Aufnahmen vom Acker außerhalb des Gehöfts und einen Rundgang durch die Ruinen des Dorfes, bei dem Pétro deutlich macht, wie sehr er die Einsamkeit als Verlust empfindet, so kommt bei den späteren Besuchen – von Bildern des Anfahrtsweges abgesehen – ausschließlich das Gehöft selbst ins Bild.

Der enge Kreis, auf den sich das Leben der beiden nun weitestgehend reduziert hat.

In der Präsentation wird dies unterstrichen, verdeutlicht und versinnbildlicht durch drei ungemein detailgetreue Modelle, die das Gehöft zu unterschiedlichen Jahreszeiten zeigen: Dies ist der Radius, in dem sich die beiden Alten im Alltag weitgehend bewegen, in dem sich der Film bewegt. Auf raffinierte Weise werden Aufnahmen, die während der Vorführung von den Modellen gemacht werden, live in den Film eingeblendet und teilweise mit den Filmaufnahmen kombiniert. Ein aufwendiges Verfahren, das tatsächlich die Isolation und Begrenztheit überdeutlich macht, worin sich die Personen bewegen: eigentlich könnte man fast den ganzen Film in diesen drei Modellen drehen.

Und so sehr Chernobyl auch stets drohend im Hintergrund präsent bleibt, wird doch gerade durch die Betonung des Ausschnitthaften der kleinen Welt, in der sich die beiden bewegen, der Blick gelenkt auf die Universalität der Geschichte von Einsamkeit, grundlegenden Bedürfnissen, Liebe, Altern und Not. Zwei alte Menschen in einem kleinen Gehöft, die weitestgehend auf sich selbst gestellt sind, könnte es überall geben.

Beim ersten Besuch wirkt das Leben der beiden zwar einsam, aber geradezu idyllisch: die Sonne scheint auf eine ländlich schöne Umgebung, die Alten necken sich, Pferd, Kuh und Hund geht es gut. Probleme gibt es, wie überall; doch die beiden wirken einigermaßen gesund und zufrieden, und die im Vorfeld der Anreise so präsente strahlende Bedrohung gerät aus dem Fokus.

Doch mit fast jedem Besuch – manchmal wird das Filmteam auch mit einem kurzen „Hallo Auf Wiedersehn“ abgespeist – wird die Lage schwieriger. Den Tieren geht es schlechter und sie sterben. Auch den Menschen geht es zusehends schlechter, und je weiter die Jahre voranschreiten, desto seltener tut einer von beiden noch einen Schritt, ohne das allgegenwärtige „Bozhe moj, bozhe moj“ (mein Gott, mein Gott) vor sich hinzumurmeln. Auch zwischen den beiden gibt es öfter Streit: sollte man nicht doch das Gehöft aufgeben und zur Tochter ziehen? Wäre eine neue Kuh zu viel Arbeit? Es ist ergreifend, dem Ringen der beiden zuzusehen, dem Ringen mit ihrem Alltag, mit einander, mit sich selbst und mit der Frage „wie soll das weitergehen?“

Weder wollen sie ihr Leben nochmal ändern, noch haben sie eigentlich das Alleinsein willentlich gewählt: sie hatten nur beschlossen, nicht wegzuziehen, während alle anderen fortgingen.

„Entstanden ist ein eindringliches, berührendes Portrait über Einsamkeit, Überleben und über die Liebe zweier alter Menschen, umgeben von der unsichtbaren und doch allgegenwärtigen Strahlung“, heißt es im Programmheft. Es hat nicht gelogen.

Philemon und Baucis mit Hintergrundstrahlung – und ohne Happy End.

Once upon a time

Ein Beitrag von M. Doberauer über die Vorstellung “Ressacs – Brandung” von CIE. GARE CENTRALE am 29.04.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© Alice PiemmeOne and one is two
two and two is four
four and four is eight
eight is almost ten
ten is fine and we like it
but one hundred is even better
but one thousand is even better
but one million is even better
but lets dream of more and more and more…

Eine von mehreren kleinen Musikeinlagen, mit denen Agnes Limbos und Gregory Houben ihr Stück Ressacs (Brandung) nicht nur hübsch auflockern, sondern ganz im Geist der Aufführung in wunderbarer Beiläufigkeit und Fröhlichkeit inhaltlich auf den Punkt bringen.

Denn worum geht es? Um zwei Menschen, in die sich das Prinzip kapitalistischen Wirtschaftens und Lebens so eingeschrieben hat, dass sie sich gar nichts Anderes mehr vorstellen können – und nichts Anderes wollen, als dem Profit nachzujagen. Immer wieder sehen wir das Paar, alles verlieren, und immer wieder fangen sie neu an, könnten etwas anders machen, ein solidarisches Leben mit ihren neuen Bekannten zu organisieren, doch immer werden diese neuen Bekanntschaften schnell zu Untergebenen degradiert, durch Gesten und Gewalt auf Distanz gebracht und ausgebeutet, gerne auch im kolonialen Stil. Zu einer Tragödie wird diese Handlung auf der Bühne gleichwohl nicht, denn trotz der versäumten Chancen kämpfen unsere Protagonisten nicht im Entferntesten gegen ihren Drang an, den Statussymbolen des Reichtums nachzujagen.

Ein schweres Thema? In den Händen der Compagnie Gare Central wird es wunderbar leicht, humorvoll und spielerisch auf die Bühne gebracht!

Objekttheater kann höchst aufwendige Objekte verwenden – oder kann auch mit den einfachsten Dingen auskommen; beide Formen haben ihre eigenen Qualitäten.

In dieser Inszenierung wird fast nur mit ganz schlichten und kleinen, geradezu alltäglichen Objekten gearbeitet, Ready-made-Objekttheater sozusagen: ein Tisch, bei dem ein blaues Tuch das Meer darstellt; ein Modellhaus und Modellauto, die Reichtümer angehäuften Reichtümer andeuten – und deren Wegnahme die plötzliche Verarmung. Limbos und Houben verkörpern als Schauspieler die beiden Protagonisten, doch vor allem erzählend, und stellen die eigentliche Handlung zugleich mit Gegenständen auf dem Tisch vor sich dar. Das gerät ihnen mit einer erfreulichen Frische: Da wird die schlechte Lage der Hauptfiguren mal ganz simpel durch einen schwarzen Fächer über dem Tisch dargestellt, die gute Lage durch einen pinkfarbenen; Industrieanlagen durch ein paar Ofenrohre; und der Hinweis auf die historische Dimension des Kolonialismus, an die die Protagonisten in ihrem Verhalten anknüpfen, durch Spielzeugschiffe, die die Bühne auf Eisenbahnschienen umrunden und deutlich an die Schiffe des Christoph Kolumbus erinnern (und als Schattenrisse auf einer Hintergrundleinwand gegenwärtig bleiben). Dass jedes Kapitel mit den Worten „once upon a time“ eingeleitet wird, tut ein übriges, um die Aufführung im Bereich des Märchens statt im Bereich des schweren Dramas zu verorten.

Eine kurzweilige, springlebendige Aufführung, die fast schwerelos die ganze Bitterkeit des Themas auf die Bühne bringt.

Drachenfeuer

Ein Beitrag von M. Doberauer über die Vorstellung „Cendres – Asche“ von PLEXUS POLAIRE am 28.04.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© Kristin Aafløy OpdanEin schwarzer Bühnenraum. Als Projektion schweben undeutliche weiße Flocken nieder – hieße das Stück nicht „Cendres“, „Asche“, man dächte wohl an Schnee – und verdichten sich zu einem Text, der davon spricht, wie ein übergroßes, alles verzehrendes Ereignis, eine überwältigende Erfahrung, alles zu Asche werden und den Betroffenen fortan durch diese Asche wandeln lässt.

Der Bühnenraum schwarz, nur im Hintergrund einige beleuchtete Häuser. Sie werden die ganze Inszenierung hindurch präsent bleiben, mal von innen beleuchtet, mal von außen, und immer wieder brennend.
In der Mitte der Bühne die sehr realistische Puppe eines jungen Mannes auf einer kleineren Bühne, die Puppenspieler fast unsichtbar in der Schwärze des Raums. Er geht. Erschrickt. Trägt etwas. Einen Kanister? Unverständliches Gestikulieren. Ein Tanz? Eine Gymnastik? Ja, eindeutig, er trägt eindeutig einen Kanister. Und schüttet etwas aus. Der junge Mann zaudert, zögert, ringt mit sich, lässt die kleine Flamme mehrmals verlöschen, bevor er die Flüssigkeit in Brand setzt. Ein Haus im Hintergrund steht in Flammen.
Das Motiv des Brennens wird am Bühnenrand aufgenommen von der Glut einer Zigarette. Der Schauspieler, der da raucht und schreibt, stellt sich rasch als die Figur des Autors heraus, der niederzuschreiben versucht, wie die Geschichte der Brandstiftungen sein Leben geprägt hat. Tastende Sätze, die von dieser dreißigjährigen Suche nach Selbstverständigung sprechen, werden in den Raum projiziert. Gesten des Zweifels, des Haderns, und der Autor zerknüllt die Anläufe seines Schreibens. Unruhe, Fahrigkeit, ein Bier kippt über die Tastatur.
Und er beginnt einen neuen Anlauf.
Frühjahr 1978, das Dorf Finsland in Norwegen…

Die Geschichte, die der Autor erzählen will, scheint einfach:
In seiner früher Kindheit wurden innerhalb kürzester Zeit in seinem norwegischen Dorf zahlreiche Brände gelegt. Scheunen und Häuser brannten nieder, in Brand gesetzt vom Sohn des örtlichen Feuerwehrhauptmanns. Das Leben des Autors ist durch diese Geschehnisse zutiefst geprägt – seine ganze Kindheit wurde er immer wieder daran erinnert, dass etwa jene Scheune bei seiner Taufe in Flammen aufging. Die Unbegreiflichkeit der mutwilligen Zerstörung, die unauflösliche Verbindung seines Lebens mit der frühen Erfahrung fundamentaler Verletzlichkeit und Unsicherheit traumatisiert ihn und lässt ihn versuchen, die Geschichte dieser Brandstiftungen niederzuschreiben.

Dass sich die Geschichte jedoch so einfach nicht darstellen lässt, zeigt sich auf der Bühne.
Auch die Geschichte, die hier stattfindet, scheint zunächst einfach…

Der Autor (als Bühnenfigur; inwieweit der Autor als Figur des Buches bzw. Stückes mit der realen Person korrespondiert, inwieweit die Geschichte dokumentarisch oder fiktionalisiert ist, braucht uns hier nicht zu interessieren) versucht, sein Trauma zu verarbeiten, indem er sich bemüht, die Geschichte der Brandstiftungen aufzuschreiben. Doch seine eigene Verwobenheit in diese Geschichte behindert ihn. Anläufe scheitern, und insbesondere der Versuch, die Ereignisse distanziert, quasi unbeteiligt, zu beschreiben, führt den Autor bis zum Zusammenbruch. Die Figur des Brandstifters quält ihn, zerstört all seine Bemühungen, sein Leben, treibt ihn in Verzweiflung und Alkoholismus. Der Schock des Todes seines Vaters reißt den Autor aus dieser selbstzerstörerischen Verzweiflung und lässt ihn nach/in heftigen Auseinandersetzungen versuchen, die Geschichte der Brände nicht mehr nur als destruktiven Feind seines Lebens zu sehen, sondern als Teil seiner selbst, Teil seiner Geschichte, die er anzunehmen lernt, mit der und ihrer Figur, dem Brandstifter, er sich auszusöhnen versucht. So wird es ihm endlich möglich, diese dicht gewebte Geschichte zu schreiben.

Es ist die Stärke des Buches, der Komplexität des Ringens mit diesen Erfahrungen eine Form zu geben.
Es ist die Stärke dieser Inszenierung, dafür ungemein intensive, schlichte Bilder zu finden, die gleichwohl die ganze Tiefe und Komplexität des Stoffs klar zum Ausdruck bringen.

Unnötig zu erwähnen, dass der Einsatz von Puppen hierfür besonders geeignet ist: indem er stets die beunruhigende Frage nach der Freiheit oder Unfreiheit der Figuren provoziert. Und indem der Einsatz von Puppen für beinahe alle Figuren außer dem Autor jederzeit an die Präsenz mehrerer Ebenen auf der Bühne erinnert: die Ebene des Autors, der als Figur des Buches das Buch schreibt, und die Ebene der Puppen, die er zu schreiben scheint, die ihn aber im Schreiben beeinflussen.

Doch ganz wie die schlichte Faktengeschichte nicht im Entferntesten die prägende Erfahrung des Autors wiederzugeben vermag, so bleibt auch die Zusammenfassung der Bühnenhandlung gänzlich fern vom intensiven Erlebnis der Zuschauer*innen dieser zutiefst beeindruckenden Inszenierung, deren Größe darin besteht, mit kleinsten Gesten und Motiven ungemein aussagekräftige Bilder zu schaffen.

Also nochmal mitten hinein ins Stück.

Der Bühnenraum fast schwarz. Der Autor zusammengebrochen und sturzbetrunken.
Die Figur eines erlegten Elchs wird hereingeschleppt, sein Bauch aufgeschnitten und eine sehr schwache und hilfsbedürftige Figur herausgeholt, ein älterer Mann. Der Autor nimmt sich seiner an, pflegt ihn, und einige projizierte Worte lassen uns wissen, dass es des Autors Vater ist.
Der Vater, der dem Autor einst durch das Töten eines Elchs ein Fremder wurde, wird ihm nun wieder nahe, in Krankheit, Hilfsbedürftigkeit und Tod. Das Ereignis reißt den Autor aus seiner Verlorenheit und Verzweiflung, in die ihn seine Traumatisierung mit Erfahrungen des Scheiterns, mit Selbstvorwürfen und Realitätsflucht getrieben hat. Eine Verbindung zu seinem Vater kann er wieder herstellen, ihn als nahe Person erinnern und den Verlust empfinden – doch ein Stachel bleibt: dass er Schriftsteller ist und damit ringt, seine eigene Geschichte als die Geschichte der Brände und der Spuren, die sie hinterlassen haben, zu schreiben, kann er seinem Vater auch am Totenbett nicht erzählen.
Und wieder berichte ich die Geschichte als Handlung, statt die ungeheuer luziden, schlichten, reduzierten Bilder zu beschreiben, mit denen die Geschichte erzählt wird! Verflixt!

Der Vater als (sehr lebendig erinnerter) Skifahrer den Autor umkreisend, der das Totenbett in Händen hält, in das er schließlich sanft die Vaterfigur bettet und ihm noch einmal Feuer gibt. Und ist es nicht der Vater des Brandstifters, der sich als kleine Figur dazulegt? Beginnt der Autor hier zu begreifen, dass er den Brandstifter, die Brandstiftungen nicht als Distanziertes von sich getrennt halten kann, wenn er sein Trauma überwinden will?
Zumindest setzt an diesem Punkt der Prozess einer erneuten Auseinandersetzung an, die schließlich in einer Art von Aussöhnung des Autors mit seiner Figur, dem Brandstifter, mündet. Es spielt nur eine untergeordnete Rolle, ob der Autor letzten Endes nun wirklich Verständnis für die Person des Brandstifters zu entwickeln beginnt, oder ob die Figur des Brandstifters auf der Bühne für den abgespaltenen destruktiven Teil der Persönlichkeit des Autors steht, oder für den Teil seiner Biographie, gegen den er sich wehrt, und die anzunehmen er letztlich akzeptiert. Gerade die mögliche Mehrdeutigkeit des Bildes macht seinen Reiz und seine Qualität aus. Ohne genauer zu analysieren würde ich mal vermuten, dass die Figur im Laufe des Stückes mehrere Rollen einnimmt, und durchaus auch mehrere gleichzeitig.

Die Auseinandersetzung, ins Bild gesetzt unter anderem als Kampf mit einem Monster, aus dem sich die Figur des Brandstifters löst. Die dämonische Figur und der Autor kommen einander näher; doch der Versuch einer Annäherung, Verständigung, die beide Figuren offenbar wollen, wird gestört, zerstört, durch Kanister, die dem Brandstifter immer wieder wie von Zauberhand zugeschoben werden – die Figur ist nicht von ihrer Nemesis zu trennen, und dies sondert die Figur vom Autor und den Menschen des Dorfes ab. Doch genau dieses Bild wird für den Autor (und das Publikum) zu einem Schlüssel – er beginnt zu begreifen: ganz ähnlich, wie er selbst der Flucht in den Alkoholismus nicht zu entkommen vermochte, obwohl er dagegen ankämpfte; ganz ähnlich mag es auch dem Brandstifter gegangen sein: ein zwanghaftes Handeln, gegen das er nicht ankommt. Die Inszenierung setzt dies wunderbar ins Bild, indem zuvor in einer auffallend parallelen Szene wie von Zauberhand dem verzweifelt dagegen ankämpfenden Autor immer wieder volle Gläser hingestellt wurden, genau wie dem Brandstifter die Kanister.

So ließe sich noch sehr lange weiterschreiben, Szene für Szene, doch das würde den Rahmen sprengen.

Die letzten Worte: „let me put this into words before I burn“, führen zurück zum Anfang, zum alles mit sich verschlingenden Ereignis und zur Asche.

Wir erfahren nicht, woher der Zwang des Brandstifters kam.
Und doch, das unverständliche Gestikulieren, an das wir uns noch aus der ersten Szene erinnern, und dessen Wiederkehr in den Gesten des Zweifels des Autors bei seinem ersten Auftritt nun ins Auge fällt, wird nun sichtbar als das Ringen des Autors und des Brandstifters mit ihrem Drachen.

Vielleicht wäre es besser, nur die Bilder zu schildern und sich jeder Interpretation zu enthalten – doch man bilde sich nicht ein, dass die Beschreibung der Bilder dem Erlebnis der Inszenierung auch nur annähernd gleichkäme. Das Publikum jedenfalls war zutiefst beeindruckt und der stürmische Applaus ließ an der Begeisterung keinen Zweifel aufkommen.

Die dreizehnte Ausgabe des NO STRINGS ATTACHED verspricht, reich an Höhepunkten zu werden.
Diese Aufführung war definitiv einer davon.

NO STRINGS ATTACHED in der Kulturzeit des 3sat