Eine verrückte Alte und das Märchen vom Rotkäppchen

Ein Beitrag von Marianne Hoffmann über den ZWEITEN MAINZER PUPPETRY SLAM am 03.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

Die Teilnehmer des Puppetry SlamsClarissa Zockovic ist eine Lady und mindestens 100 Jahre alt. Das bedeutet, dass sie im Rollstuhl sitzt, aber noch immer mit Glitzerschuhen, pinkfarbenen Leggins, langen rot lackierten Fingernägeln, knallrot geschminktem Mund, leicht verschmiert und einer gewaltigen weißen Lockenpracht über dem schmalen Gesicht. Natürlich kann Clarissa Zockovic nicht mehr ohne Pflegerin ihr Leben bewältigen. Aber diese hat kaum was zu reden, denn das besorgt mit rauchiger Stimme in schönstem Fränkisch die herrische alte Lady selbst.

Es ist Puppetry Slam-Time in den Mainzer Kammerspielen. Zum zweiten Mal findet diese Abwandlung des Poetry-Slam in Mainz statt. Die Regeln des Puppenwettstreits, bei dem wie immer das Publikum entscheidet, wer gewinnt, sind ganz einfach. Jana Heinicke hat den Puppetry Slam auf die Beine gestellt und ist damit bis nach Mexiko gereist. Sie wählt die Jury aus dem Publikum aus, stellt die Kandidaten und Kandidatinnen vor und rechnet Punkte zusammen. Gespielt werden darf mit allem was Spaß macht und so spielt Nicole Weißbrodt die Pflegerin Nikki, die der exzentrischen Clarissa Zockovic ihre rauchige Stimme leiht. Tosender Applaus und viele Punkte waren Nicole Weißbrodt sicher.

Vor zwei Jahren gewann Dietmar Bertram aus Mainz und so war man gespannt, ob er in diesem Jahr seinen Titel verteidigen kann. Soweit schon mal vorab, das hat er nicht geschafft und das könnte sehr wohl daran gelegen haben, dass er mit Lebensmitteln gespielt hat und mit Lebensmitteln spielt man nicht, schon gar nicht mit Hackfleich, das Würstchen verschlingt, auch wenn die Geschichte dahinter – vom Berg der seine Bewohner vernichtet – gar nicht so schlecht war, inklusive Holladrio.

Marcel Kurzidim spielt einfach mit einer Papierrolle, auf diese hat er die Welt und ihre Geschichte verewigt, die er sich in den Kopf schlagen muss und er möchte noch eine andere Geschichte aufschreiben, die er von vorn nach hinten wendet. Gut gedacht ist noch lange nicht gut gemacht, aber der Ansatz hat begeistert. Auch der wunderbar lila Federpuppenvogel auf Freiersfüßen von Colly Schöttler, die jeden Tag im Bus auf einen Blick ihres Angebeten hofft, kann nicht zur Gänze überzeugen.

Christoph Buchfink kommt mit einer Puppe in einem rollenden Krankenbett. Damit brettert der alte Opa Häwelmann durch die Stadt und möchte auf Schiffsreise gehen.. Bereit gegen Windmühlen, Gesundheitsreformen und den Herzkasper zu kämpfen, wobei ihn keine Unbill bremsen kann. Sein persönlicher Leibarzt Doktor Schröder, seine kleine Frau Hedwig und der alkoholisierte Steuermann oben im Ausguck begleiten ihn und leider muss das fröhliche Spektakel nach 7 Minuten brutal beendet werden. Das sind die Slam-Regeln, sieben Minuten und nicht länger.

Shani Moffat kommt aus Australien. Sie steht zum ersten Mal auf der Slam Bühne, die sie als Putzfrau fegt und dabei immer wieder nach ihrem Hund ruft. Man hört ihn bellen, die Aktivistin verschwindet. Heraus kommt Shanis blanker Hintern als Hund geschminkt, der über die Bühne jagt, verschwindet und wieder als Shani Moffat auf die Bühne kommt. Natürlich macht der Hund sein Geschäft und zieht sich eine Würstchenkette rein. Das reizt den Würgereflex des Publikums, aber auch die Begeisterung schlägt Wellen.

Das Finale bestreiten an diesem Abend Shani, Christoph und Nicole. Die große Stoff-Vagina von Shani Moffat verschlingt die Emanzipation und Christoph Buchfink, der das Heinz-Erhardt-Gedicht von einem Reh so vollendet, dass es von einem Schaf verschlungen wird, können der Geschichte vom Lippenstift-Rotkäppchen und dem Haarklammer-Wolf von Nicole Weißbrodt nicht die blaue Plastik-Krone ablaufen.

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