Mi gran obra – ein Meisterwerk “en miniature”

Mi gran obra – ein Meisterwerk “en miniature”

Ein Beitrag von Marianne Hoffmann über die Vorstellung “Mi Gran Obra” von DAVID ESPINOSA am 01.05.2017 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED

© David EspinosaEin großer grauer Koffer steht im Foyer der Mainzer Kammerspiele – unbeachtet von den Menschen, die sich nach und nach einfinden. Das ist umheimlich und ein Fall für einen SEK-Einsatz, denn herrenlose Koffer bedeuten Terror, Angst vor einem Attentat. Doch nichts passiert, nein, die Menschen schauen sich den Koffer genau an, und wenn man den Koffer von vorne betrachtet, erkennt man kleine Figuren, die scheinbar aus diesem großen grauen Koffer herauslaufen. “Mi gran obra” steht auf dem Koffer. “Mein großes Werk, mein Meisterwerk”, geschaffen von David Espinosa für NO STRINGS ATTACHED im Rahmen des Mainzer Kultursommers, das Festival der Puppen, das in den Mainzer Kammerspielen den idealen Aufführungsort gefunden hat.

Er ist ein Künstler, der keine Stücke für große Bühnen schaffen möchte, dafür hat er kein Geld, obwohl er schon der Liebling der Biennale von Venedig in 2016 war. Ein szenisches Meisterwerk für eine Bühne schaffen das ist sein Traum. Ein Architekt, den er kennt, soll ihm einen Spielort schaffen. Das Theater sollte mobil sein, so wie ein Zirkuszelt. So entsteht ein Modell, im Maßstab 1:87. In der Realität wäre das ein Theater von der Größe eines Fußballfeldes. Doch für Espinosa ist diese kleine Bühnenwelt perfekt, sie kann problemlos im Koffer verstaut werden.

© David EspinosaDer Nachteil, vielleicht auch der unglaubliche Vorteil, ist, das maximal 20 Leute zuschauen können. Diese werden vor der Performance auch noch gecastet und in große und kleine Menschen und VIPs unterteilt. Im Backstagebereich der Kammerspiele sieht man auf den Sitzen kleine Operngläser in leuchtendem Rot liegen, die man auch braucht, um das Geschehen auf der kleinen weißen Styroporbühne verfolgen zu können. Geschickt stellt David Espinosa kleine und kleinste menschliche Figuren auf, wie wir sie aus den unglaublichen Landschaften der Modelleisenbahn kennen. Der Weg des Lebens wird präsentiert, vom Säugling über das Heranwachsen, die erste Liebe, die Hochzeit, das Kinderkriegen, zusammen alt werden, den Tod, und selbst einen Friedhof gibt es. In einem Blumentopfuntersetzer steht ein vertrockneter Zweig, und kleine Kreuze ragen aus der Erde, in der die Witwe verschwindet. Weiter geht es mit einem Fußballspiel, untermalt von spanischer Musik, bis ein Kind auf das Fußballfeld krabbelt und die Spieler auf das Kind eintreten, ein Exhibitionist öffnet seinen Mantel, ein Krankenwagen taucht auf, der Ärztin wird schlecht, und auf einmal sind überall Emotionen. Espinosa spielt mit seinen Minifiguren das Leben nach, es gibt Obdachlose, Paare beim Sex, Striptease-Tänzerinnen, Demonstranten und einen Sensenmann, der zum Schluss auf der Bühne als Einziger steht, während die Protagonisten zu einem bunten Haufen aufgetürmt sind. Ein Bagger steht bereit, um wieder Ordnung zu schaffen.

David Espinosa stellt die Welt auf den Kopf, beschreibt das Leben als trügerisch und gefährlich. Es geht um die ganz großen Themen: Leben und Tod, Liebe und Sex, Transzendenz und Absurdität – natürlich en miniature.

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