Wenn Babylon zum Rettungsancker wird und Jesus Christus ein Schaf namens Binkie liebt

Ein Beitrag von Marianne Hoffmann über die Vorstellung „Babylon“ von Neville Tranter am 27.10.2018 im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED.

Neville Tranters "Babylon"Ein Mann in einer Tarnjacke der Armee, Bürstenhaarschnitt, Sonnenbrille und Bergstiefeln an den Füßen, steht im Bühneneingang der Mainzer Kammerspiele und begrüßt jeden Einzelnen, der hereinkommt. Der Mann ist kein Geringerer als Neville Tranter, Gott-König der Puppenspieler. Die Kammerspiele sind bis auf den letzten Platz und darüber hinaus besetzt, denn überall, wo eine Lücke war, wurde noch ein Stuhl hingestellt. Und schon an der Bar wird geraunt: „Hast Du ihn schon mal gesehen? Noch nie? Ich beneide Dich, es ist umwerfend.“ Zum zehnten Mal ist der Australier Neville Tranter, der seit seinem ersten Europaauftritt in Amsterdam lebt, Gast bei „No strings attached“. Neville Tranter ist einer der weltweit bekanntesten Puppenspieler. Er ist Gründer des Stuffed Puppet Theatre und das einzige Ensemblemitglied, neben seinen Klappmaulpuppen, die immer, wenn sie das Maul besonders weit aufreißen, ihr Zäpfchen sehen lassen. Mit „Babylon“ hat Tranter ein Stück Zeitgeschichte aufgenommen, das man gar nicht mehr so gerne hören oder gar sehen mag, doch Tranter wäre nicht Tranter, wenn das Thema Flüchtlinge und ihre Flucht über das Wasser nicht auch ironisch und bitterböse amüsiert. Tranter, der alle Puppen alleine führt und dabei präsent auf der Bühne steht, hat die ungewöhnliche Gabe, dass das Publikum den Mann im Tarnanzug auch wirklich nicht mehr wahrnimmt. Es sind die Puppen, jede ein Individuum, angefangen bei den Köpfen bis hin zum Gewand, der Handhaltung mal mit vier, drei oder auch fünf Fingern, wie es halt proportional passt, die die Regie übernehmen. Worum geht es? Ein einsamer Strand in Nordafrika. Ein nervöser Kapitän wartet ungeduldig auf seine letzten Passagiere, alles Flüchtlinge. Sie versuchen um jeden Preis, auf dem letzten Boot nach Babylon in das gelobte Land zu kommen. Einige erobern sich einen Platz an Bord. Andere bleiben zurück. Das Boot geht unter. Wer überlebt und wird gerettet? Wer nicht? Gott, ein wenig desorientiert. Jesus, sein Sohn und der Teufel versuchen einzugreifen. Aber sie wissen nicht recht wie, denn „manchmal kann Gutes Böses herbeiführen und Böses Gutes”. Neben dem imposanten Teufel mit seinen feuerroten Zähnen und seinem üppigen Gewand ist Gott mit seinem Engeldiener, ein weiß gewandeter älterer Herr, extrem komisch, zumal sein Diener – mit den zarten Engelflügeln – extrem an Chris Howland erinnert und an alte Karl–May-Filme. Jesus, Gottes Sohn, ist durch eine unendliche Wüste gewandert, hatte hunderte von Visionen und wenn er nicht Binky an seiner Seite gehabt hätte, dann wäre er durchgedreht. Und der Satan? Er stimmt das tröstliche “Somewhere“ aus der “West Side Story“ an und krächzt eine höhnische Tom-Waits-Persiflage ins Irgendwo – auch so lernt man das Fürchten. Tranter hat mit seinen wunderbaren Groß-Puppen alle Hände voll zu tun und das Migranten-Thema energisch angepackt. Ein Konflikt, zu dessen Bewältigung man sowieso den Mund, warum also nicht das Klappmaul, aufmachen muss. Gott und Jesus überleben, Binky hatte einen Panikanfall vor Betreten des Bootes, und es wurde ein Körbchen gefunden, mit einem Hund darin. Gott tauft den Hund „Moses“, das Leben geht weiter, und die Geschichte ist aus.

 

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